Ich weiß, dass es am Ätna zwei Skilifte und einen Skiverleih gibt, dass wir im Februar 2037 keinen Vollmond haben werden und die Armee des Vatikans 110 Mann stark ist.
Lauter unnütze Sachen, die felsenfest in meinem Kopf verankert sind.
Da ist der Platz für wirklich wichtige Dinge leider begrenzt.

Wie etwa den Geburtstag meines Sohnes.
Ich konnte mir das Datum anfangs einfach nicht merken.
Ich glaube, mein Unterbewusstsein wollte diesen Tag aus meinem Gedächtnis löschen, weil er durch den wehengeplagten Höllentrip derart negativ behaftet war. Die Stilldemenz tat ihr Übriges.

Bei der Anmeldung in der Krabbelgruppe wurde mir diese Wissenslücke erstmals zum Verhängnis

Die Mütter saßen um einen runden Tisch und unterhielten sich angeregt, während die Anmeldeliste herumging. Ich beteiligte mich kaum an den Gesprächen, weil mich die Themen rund um Babymützchen, Küchengeräte und Haushaltstipps nicht interessierten.
Irgendwie fühlte ich mich fehl am Platz.
Doch auf den ersten Blick war ich nicht die einzige Exotin.
Ein alleinerziehender Vater peppte die Runde etwas auf.
Insgeheim hoffte ich, in ihm einem Verbündeten zu finden, der die ganze Muttersache nicht so ernst nahm und vielleicht sogar für erfrischende Gesprächsthemen sorgen würde.

Dass diese Annahme weit gefehlt war, sollte mir bald klar sein.
Schon mein erster Kommunikationsanlauf entpuppte sich als totaler Reinfall,
Bei dem Versuch, in eine angeregte Unterhaltung über einen gewissen „Thermomix“ einzusteigen, scheiterte ich kläglich.
So leidenschaftlich wie darüber gesprochen wurde, schien dieses Teil ein wahrer Alleskönner zu sein.
„Man muss überhaupt nichts mehr machen, der nimmt einem alles ab“, hörte ich die Mütter sagen.
Als ich mich dann mit ehrlichem Interesse nach dem Wundergerät erkundigte, verstummte die Runde.

Münder öffneten sich schnappend. Dazu klimperten ungläubige Wimpern

Das ist die Sinfonie des Grauens.
Die ist nur zu hören, wenn ringsum unangenehme Stille herrscht.
Durchbrochen wurde sie von dem Vater, der seine geweiteten Augen auf mich richtete und fragte:
„Du weißt echt nicht, was ein Thermomix ist?“
Die hielten das für einen Witz.

Wäre ich geistesgegenwärtig genug gewesen, hätte ich die angespannte Situation in eine scherzhafte Einlage verwandeln können.
Doch mein verdatterter Ausdruck sprach Bände. Woher sollte ich das auch wissen?
Immerhin hatte ich die letzten Monate ziemlich isoliert mit Haushalt und Babypflege verbracht – das Weltgeschehen war quasi unbemerkt an meinem übernächtigten Blick vorübergezogen.

Meine einzige Informationsquelle in dieser Zeit war ein Buch über unnützes Wissen.
Ich liebte diesen Lesestoff, da er so rein gar nichts mit meinem schnöden Alltag zu tun hatte.
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während sich die Supermuttis  – und allen voran der Superdaddy – überaus fachkundig daran machten, mir den Mac Gyver der Küchengeräte zu erklären.
Das fühlte sich an, als würde man von einer Gruppe professionell geschulter Handelsvertreter in die Mangel genommen. Dem allgemein aufkommenden Eifer nach zu urteilen, hielten die ihre Aufklärungsarbeit für eine Art höhere Mission – einen Akt der Nächstenliebe, in dem Unwissende wie ich endlich eingeweiht wurden.
Wenn sich eine Organisation mit dem Namen „Haushaltsgeräte ohne Grenzen“ gegründet hätte, wären meine enthusiastischen Tischnachbarn ohne zu zögern beigetreten.
Dessen bin ich mir sicher.

Mit einem derart fanatischen Überzeugungswillen hätten sie das Teil sogar einem Amazonasindianer aufschwatzen können

Um keinen weiteren Unmut zu provozieren, tat ich, als sei ich über diese Innovation hellauf begeistert.
Das war eine Überlebenstaktik aus meiner Schulzeit: nichts verstehen und trotzdem nicken.
Scheinbar ist das eine zeitlose Geste.
Ich erntete von den Gruppenteilnehmern wohlwollende Blicke.
Puuh, gerade nochmal gut gegangen, dachte ich erleichtert.

Doch es sollte noch schlimmer kommen.
Das Geplauder nahm an Fahrt auf und die Mütter reichten einen Anmeldebogen herum, worauf die Daten der Kinder eingetragen werden sollten.
Als die Reihe an mir war, starrte ich angestrengt auf die Zeile namens „Geburtsdatum“.
Mir wollte diese verdammte Zahl partout nicht einfallen. Schweißperlen traten mir auf die Stirn.
Meine Tischnachbarinnen beobachteten mich bereits skeptisch.

Die blonde Zwillingsmutter neben mir sog scharf die Luft ein

Da war schon wieder dieser Druck, der mir meine Konzentrationsfähigkeit raubte.
Das durfte ich jetzt nicht vergeigen.
Meine Intuition sagte mir, dass ich die Toleranz jener Gruppe mit meinem heutigen Auftritt bereits ausgereizt hatte.
Am Ende würden sie mich noch lynchen  – oder gar an den Pranger stellen.

Schaudernd sah ich mich vor meinem geistigen Auge an einem improvisierten Pranger stehen, den ein geschickter Handwerker-Daddy aus einem ausrangierten Kinderwagengestell gebastelt hatte.
Eine ausgeklügelte Konstruktion aus ineinander verkeilten Schnullerketten hielt mich in einer demütigenden Position fest, während aufgebrachte Eltern mit Rasseln auf mich losgingen.
Manche warfen gar vollgesogene Spucktücher nach mir. 
Angewidert von dem imaginären Geruch saurer Milch, schüttelte ich diese unheilvolle Vision ab und kritzelte einfach irgendeine Zahl auf das Papier – in der Hoffnung, ich sei aus dem Schneider.
Wer sollte das auch überprüfen?

Drei Monate später tauchte die gut gelaunte Gruppenleiterin mit einem Geburtstagskuchen auf.
Sie stimmte ein Lied an, das zu meinem größten Erstaunen meinem Sohn gewidmet war.
Schnell machte ich ihr klar, dass es sich um ein Versehen handeln müsse.

Sichtlich enttäuscht brachen die Anwesenden Gesang und Geklatsche ab

Das irritierte wiederum die Babys, die nun zu quengeln begannen.
Ich hatte es mal wieder geschafft. Im Geiste klopfte ich mir schlaff auf die Schulter.
Wenn dieser Thermomix schon so ein Allroundtalent war, könnte er mich da nicht herausholen?

Das ist es, was sich eine widerwillige Hausfrau wie ich wünscht: Ein heldenhaftes Küchengerät, mit dem man in brenzligen Lagen einfach davondüsen kann.

Während ich in Tagträumen von superlativen Haushaltsgeräten schwelgte, die all meine Probleme lösen würden, durchwühlte die Leiterin energisch ihre Papiere.
Zu meinem Leidwesen war ihre Suche in kurzer Zeit von Erfolg gekrönt: Triumphierend hielt sie mir die Liste mit meiner Eintragung vor die Nase, sodass jeder es schwarz auf weiß sehen konnte.

Ihr Sieg war mein Untergang

Mit hochrotem Kopf starrte ich auf die Zahlen und brachte keinen Ton heraus.
Wann mein Sohn denn nun Geburtstag hätte, wollten die bohrenden Blicke der anderen zu Recht wissen. Ich hatte darauf keine Antwort…

Geläutert schlurfte ich nach Hause.
Da kam ich an einem Geschäft vorbei, das eine Thermomix-Werbung in der Auslage hatte.
Die Versuchung war groß, doch ich blieb standhaft. Diesen Triumph wollte ich ihnen nicht gönnen.
Es gab jetzt Wichtigeres zu tun: Daheim habe ich in der Geburtsurkunde nachgesehen.
Ich schrieb mir das Datum mit Kuli auf die Hand, bis ich es irgendwann auswendig konnte.
Wieder so eine Schul-Taktik.
Schließlich wird einem ein Leben lang eingetrichtert, wie wichtig Lernen ist.
Und ich habe tatsächlich einiges gelernt: wenn man schon schummelt, sollte man dabei auch nachdenken. Wenigstens ein bisschen.
Oder man schreibt sich die Lösung auf die Hand.