Warum ist der Himmel blau, warum ist die Sonne gelb, warum können Vögel fliegen?
Von dieser nicht enden wollenden Fragestunde können Eltern ein Lied singen.
Sobald ihr sprachliches Repertoire ein gewisses Ausmaß angenommen hat, sind die wissbegierigen Nachkömmlinge nicht mehr zu bremsen.

Nun wird nicht mehr angegrapscht und in den Mund genommen, sondern rhetorisch erkundet

Mein Sohn war darin besonders gut.
Sein endloser Redeschwall trieb mich zeitweise in den Wahnsinn.
Darüber hinaus kam ich mir manchmal ziemlich dumm vor, weil ich seine Fragen nicht beantworten konnte.
So kam es, dass ich zu später Stunde oft noch am Rechner saß, um neunmalkluge Antworten auf seine neunmalklugen Fragen zu googeln.
Dabei stieß ich auf eine Kinderuniversität, im CD-Format, die eine große Themenauswahl bietet.
Das war meine Rettung.
Von nun an liefen die CDs auf und ab, den lieben langen Tag.
Vor dem Kindergarten, nach dem Kindergarten, beim Zähneputzen und im Auto.
Dort befanden wir uns, als sich ein unerwartetes Gespräch ereignete, auf das ich in keinster Weise vorbereitet war.

Wir waren auf dem Pferdehof von Bekannten zu Besuch gewesen, die uns ihre neugeborenen Fohlen gezeigt hatten.
Es war ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch und auf dem Weg nach Hause schlängelte ich mich gut gelaunt durch die verkehrsreichen Straßen.

Dazu dröhnte eine Geschichte der Kinderuniversität über nackte Statuen

Plötzlich schaltete mein Sohn mit ernsthafter Miene das Radio aus und blickte mich nachdenklich an.
„Ich will auch ein Baby-Pferd haben“, teilte er mir lautstark mit.
Ich räusperte mich und erklärte ihm, dass wir bereits ein Pferd hätten, das schon genug an Geld und Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

„Ich will aber eines für mich, ein Kleines“, nölte mein Sohn.
„Ich kaufe kein Baby-Pferd. Wenn, dann müsste unsere Luna eines bekommen“, erwiderte ich und versuchte, meine Konzentration wieder auf den Verkehr zu lenken.
Doch das Kind kam jetzt erst richtig in Fahrt.
„Dann soll die Luna ein Baby bekommen.“
„Das geht nicht so leicht. Dazu brauchen wir einen Hengst.“
„Warum?“

 Wir werden doch jetzt nicht mitten im Kreisverkehr ein Aufklärungsgespräch beginnen?!

„Warum brauchen wir einen Hengst?“, quäkte es beharrlich vom Beifahrersitz.
„Weil der seinen Samen in die Luna geben muss, damit ein Baby entsteht.“
„Wie macht er das?“

Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Vor meinem geistigen Auge begatteten sich ungestüme Pferde.
Ich versuchte, dieses Bild in kindgerechte Worte zu verpacken, und nahm die dritte Abfahrt im Kreisverkehr.
„Nun ja, er besteigt sie von hinten und… schießt seinen Samen in sie hinein“, brachte ich holpernd zustande.
„Wie kommt er denn auf sie drauf?“
„Er stellt sich auf die Hinterbeine, beißt sich mit den Zähnen in ihrer Mähne fest und steckt seinen Penis in sie hinein.“

Puuh, nun war es ausgesprochen. Hinter mir hupte jemand ungeduldig.
Am liebsten hätte ich das Kind gepackt und es durch sein offenes Fenster ins Auto geschoben.
Sollte der das doch machen.

 „Was ist ein Penis?“, fragte der Junge mit derart aufrichtigem Interesse, dass es mir die Schamesröte ins Gesicht trieb

Hatte ich ihm diese Grundbegriffe nie beigebracht?
Ich hatte mir doch fest vorgenommen, nicht so rückständig und verklemmt über solche Dinge zu reden, wie ich es von meinem Elternhaus kannte.
Angestrengt dachte ich nach.
Irgendwie waren wir bei verniedlichten Begriffen wie Schniedel, Pimmel und Pillermann hängen geblieben.

Ich scholt mich innerlich dafür und nahm den Faden wieder auf.
„Dasselbe was du zwischen den Beinen hast. Nur ist das beim Hengst viel größer.“
Gleichzeitig bog ich scharf nach links ab. Beinahe hätte ich die Abfahrt verpasst.
Dem kleinen Racker machte die wilde Fahrt nichts aus.
Unbeirrt bohrte er weiter: „Kommt aus dem Hengstpenis der Samen?“
„Ja.“
„Was macht der Samen?“
„Der legt einen weiten Weg zurück, macht es sich in Lunas Eizelle gemütlich und wird schließlich zum Babypferd.“
„Und wie kriegt er den Samen so weit in die Luna rein?“

Meine Güte, hört das denn nie auf, dachte ich

Doch ich wollte ein Vorbild sein und meinen pädagogischen Auftrag erfüllen.
Lieber hätte ich von Bienchen und Blümchen geredet. Doch den Zug hatte ich verpasst.
„Der Samen kommt sehr schnell aus dem Penis rausgeschossen“, entgegnete ich nervös.
„Doch jetzt lass mich um Himmels Willen in Ruhe Auto fahren. Wenn du so alt bis wie ich, kannst du dir so viele Pferde kaufen, wie du willst. Ich erkläre dir alles ausführlich Zuhause.“

Das war natürlich gelogen.
Insgeheim hoffte ich, er würde die Angelegenheit mit dem Pferdesex bis dahin vergessen haben.
Stumm fuhren wir weiter. Mein Appell hatte Wirkung gezeigt.
Das Kind schien endlich zufrieden zu sein und blickte verträumt aus dem Fenster.
Ich seufzte erleichtert. Damit geriet das unliebsame Thema in Vergessenheit.

Wenige Tage später fand in der Grundschule meines Sohnes ein Gemüsefrühstück statt, zu dem auch die Eltern eingeladen waren. Nachdem alle gegessen hatten, spielten die Kinder vergnügt und die Erwachsenen konnten sich in Ruhe unterhalten.
Plötzlich kam mein Sohn mit seinem Freund im Schlepptau auf mich zu.

Der bohrende Blick meines Kindes bereitete mir schon von weitem Unbehagen

Während die zwei zielstrebig auf mich zusteuerten, entwickelte sich ihre Unterhaltung zu einer hitzigen Debatte. Den Wortfetzen nach zu urteilen, schien es um Haustiere zu gehen.
Bevor der Streit eskalieren konnte, ging die beherzte Lehrerin dazwischen.
Die Gespräche verstummten und alle Augen richteten sich auf die Pädagogin.
Sie stand ruhig inmitten der beiden Streithähne, die sich wie kämpferische Gockel anvisierten.
„So und jetzt erzählt mal, was eigentlich los ist“, säuselte die Lehrerin.

„Der Flori will mir einfach nicht glauben“, krähte mein Sohn den Tränen nahe.
„Was will er dir nicht glauben?“
„Das mit den Pferdebabys!“

In dem Augenblick wich mir sämtliche Farbe aus dem Gesicht.
„Was ist denn mit den Pferdebabys?“, wollte die besorgte Frau wissen.
Ich verfluchte sie für diese Frage.
Mein panischer Blick glitt zu den Fenstern, die leider allesamt verschlossen waren.
Der Weg zur Tür war von Eltern versperrt.

Ich bekreuzigte mich innerlich

„Meine Mama hat gesagt, wenn ich ein Pferdebaby haben will, muss der Hengst auf die Luna springen und den Samen aus seinem großen Penis in sie hineinballern wie eine Kanonenkugel!“
Die letzten Worte schrie mein euphorisches Kind wild gestikulierend heraus, als ob die ganze Welt davon mitbekommen sollte.

Da sieht man einmal, wie weit die Realitäten von Erwachsenen und Kindern auseinander liegen.
Wie mein Zögling auf diesen Vergleich mit der Kanone kam, ist mir bis heute schleierhaft.
Die Lehrerin musterte mich schockiert.
Eine Mutter hielt ihrer Tochter beschützende die Hände über die Ohren.
Ein zierlicher Junge stand mit bebenden Lippen daneben.
Durchgefallen. Setzen, Sechs, dachte ich beschämt.

Ich wagte gar nicht erst, in die Augen der Eltern zu sehen.
Ihre verurteilenden Blicke spürte ich auf mir wie Dolchspitzen.
Mein Mund klappt ein paarmal auf und zu.
Dann nahm ich mein Kind an die Hand und verließ unter einem fadenscheinigen Vorwand das Schulhaus.

Niemand hielt uns auf

Wir gingen schnurstracks in die nächste Buchhandlung, wo ich ein Pferdelexikon sowie ein Aufklärungsbuch für Kinder erstand.
Letzteres gingen wir in den nächsten Tagen gefühlte 1000 Mal in allen Einzelheiten durch.
So detailliert hatte selbst ich das nie beigebracht bekommen.

Von nun an posaunte mein Kind sein neu erworbenes Wissen rund um die menschliche und pferdische Sexualität jedem ungefragt entgegen.
Auch wenn das Ganze eher suboptimal verlief, hatte die Sache zumindest ein Gutes:
Jetzt waren wir alle aufgeklärt.