„Gewonnen, gewonnen!“, brüllte das glückselige Kind so laut, dass der Kater wie von der Tarantel gestochen vom Sofa sprang und den ganzen Tag nicht mehr gesehen wurde.
Ich beugte mich über das Scrabble-Spielbrett, um die sprachlichen Ergüsse des vermeintlichen Siegers in Augenschein zu nehmen.

„Moment mal, was soll das denn sein?“ wollte ich wissen und zeigte fragend auf die Wortkonstellation „LON“.
„Das ist mein Name“, belehrte mich mein Sohn, der es gar nicht für nötig hielt, genauer auf den Spielplan zu sehen.
„Du hast verloren“, schnaubte er verächtlich hinterher.
„Wäre mir neu, dass „LON“ ein Name ist. Da hast du wohl das „E“ vergessen“, gab ich süffisant lächelnd zurück.

„Nein, ich…“, wollte der kleine Naseweis widersprechen, als sein Blick auf „LON“ haften blieb.
Er verstummte.
„So, dann zählen wir mal die Punkte. Ich glaube, ich habe gewonnen“, zwitscherte ich nicht ohne Schadenfreude. 
Die Zeiten, in denen man Kinder um des lieben Friedens willen ständig gewinnen lässt, sind ja wohl endgültig vorbei, dachte ich bei mir.

Ist schließlich total unrealistisch, ständig zu gewinnen

Am Ende schadet das dem Ego mehr, als es nützt. Davor warnen Pädagogen in zahlreichen Fachbüchern.
Kaum hatten diese Worte in meinem Geist Gestalt angenommen, wurden sie durch das Wutgebrüll des Kindes in alle Winde zerstreut.
„Du bist gemein! Das „E“ war vorhin noch da! Du hast es versteckt, um zu gewinnen!“, toste es von der anderen Seite des Tisches, sodass ich instinktiv in Deckung ging.

Darauf folgten minutenlange Vorwürfe, ich würde den Sohn „niemals“ gewinnen lassen und sei nur auf meinen eigenen Vorteil bedacht.
Meine Versuche, die Konversation in sachliche Bahnen zu lenken, wurden im wahrsten Sinne des Wortes vom Tisch gefegt. Die Buchstaben flogen mir mitsamt dem Spielbrett entgegen.
Wir beendeten die Chose, indem wir uns gegenseitig finstere Blicke zuwarfen und auseinander gingen.
Das Wochenende verlief ungewöhnlich wortkarg.

Der Sohn taxierte mich hin und wieder mit einem bitterbösen Blick, der mich zugegebenermaßen etwas beunruhigte. Doch meine Besorgnis verlief im Sande, als sich am Montag wieder die altbekannte Routine einstellte.

Diese sah wie folgt aus: Jeden Morgen um Punkt sechs Uhr dröhnte der Satz: „Aufstehzeit ist die schönste Zeit!“ an mein Ohr. Das bemerkenswerte Stimmorgan des Jungen überwand dabei zwei weitere Zimmer und meine Schlafzimmertür, die ich stets verschlossen hielt.
Doch das half nichts.
Der natürliche Rhythmus des Kindes war unfehlbar und riss mich unter der Woche zuverlässig aus dem Schlaf.

Am Freitag ereignete sich jedoch eine Aufwach-Anomalie

„Schraubenzieher!“, plärrte es direkt in meine Ohrmuschel, „ich brauche einen Schraubenzieher!“
Erschrocken zuckte sich zusammen und blinzelte schlaftrunken auf die Zeiger der Uhr.
Der Sohn war noch vor der üblichen Zeit wach geworden und hatte sich klammheimlich in mein Zimmer geschlichen, um mir seinen markerschütternden Morgengruß persönlich zu überbringen.
Wie ich feststellte, handelte es sich weniger um einen Gruß, sondern vielmehr um eine Forderung.

Völlig übernächtigt schleppte ich mich ins Badezimmer, wo der Kater dank des aufmerksamen Kindes gerade durch das geöffnete Fenster hereinkam und den Dreck aus dem Garten in Form von braunen Pfotenabdrücken auf den Fliesen verteilte. Das fing ja schon mal gut an.

Vor dem Putzen ist nach dem Putzen, stellte ich ermattet fest und suchte nach einem Lappen.
Auf dem Weg zur Küche machte das Kind sehr nachdrücklich klar, dass es unbedingt einen Schraubenzieher bräuchte. Und zwar auf der Stelle. Gleich wäre quasi schon zu spät.
Ansonsten würde es kein Frühstück zu sich nehmen.

Bei diesem Satz war die  Möchtegern-perfekte-Mutter in mir sofort alarmiert

Unmöglich konnte ich meinen Sohn ohne eine nahrhafte morgendliche Mahlzeit in die Schule schicken – wo doch beim letzten Elternsprechabend allen Anwesenden eingetrichtert worden war, wie wichtig ein ausgewogenes Frühstück sei.
Ich rief mir das traurige Kopfschütteln der Lehrerin in Erinnerung, das eine Schilderung begleitet hatte, in der ein Schüler mit nüchternem Magen in den Unterricht gekommen war.
Niemals wollte ich mit solch einer bedauernswerten Geste bedacht werden – also her mit dem verdammten Werkzeug!

Bei der Suche nach dem geeigneten Schraubenzieher fragte ich meinen Sohn ein bisschen aus.
Oder zumindest versuchte ich es.
Man will ja als verantwortungsbewusste Mutter wissen, was der Bengel mit dem Ding vorhat.
„Wofür brauchst du den Schraubenzieher?“, hakte ich nach.
„Die Frau XY hat gesagt, ich soll einen mitbringen, weil sie keinen hat.“
„Deine Lehrerin hat keinen Schraubenzieher?“
„Nein.“
„Warum kauft sie sich keinen?“
„Sie hat keine Zeit, weil sie so viel korrigieren muss“, lautete die unwillige Antwort.

„Was muss sie denn zwei Wochen vor den großen Ferien korrigieren?“
„Muss sie halt!“, blaffte mich der freche Kerl an und schnappte sich den Schraubenzieher, den ich gerade aus einer Schublade gefischt hatte.

Das war natürlich gelogen. Haushoch

Doch der Anblick des Kindes, wie es mit roten Bäckchen sein Müsli in sich hinein schaufelte und dabei den Schraubenzieher nicht aus den Augen ließ, milderte meinen Argwohn.
Was soll schon dabei sein, dachte ich großzügig, vielleicht basteln sie beim Werken irgendein Geschenk für die Eltern. Und da sind besonders Jungs gerne mal geheimniskrämerisch.
Mit diesen beruhigenden Gedanken im Hinterkopf brachte ich meinen Sohn zur Schule.

Hatte ich erwähnt, dass man nach meinem Sohn die Uhr stellen kann?
Diese Tatsache stellte ich arg infrage, als sich der Junge um die vereinbarte Zeit nicht blicken ließ.
Seine Klassenkameraden waren bereits aus dem Schulhaus gekommen.
Nur mein mißratenes Kind war nicht darunter und schraubte vermutlich irgendwo in der Weltgeschichte herum.

Ich rief seinen Namen. Erst zaghaft, dann immer lauter. Keine Antwort.
Resigniert ließ ich mich auf einem Stein nieder und wartete. Der Trubel hatte sich aufgelöst.
Alle Schüler waren inzwischen nach Hause gegangen. Nur ich saß immer noch da wie der letzte Idiot.
„Mama, ich hab gewonnen!“

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich mein freudestrahlendes Kind um die Ecke biegen.
Ganz aufgeregt stellte es sich vor mich hin und hielt seine schalenförmigen Hände mit dem klappernden Inhalt vor mein Gesicht.

Eiserne Buchstaben. Ich stand auf der Leitung

Der Kleine half mir auf die Sprünge, indem er seinen Namen mit den Buchstaben auf den Asphalt legte. Diesmal korrekt.
Ich bemerkte, dass die Buchstaben winzige Löcher hatten, in denen teilweise noch Schrauben steckten.
„Woher hast du…“ Ich brachte den Satz nicht zu Ende.
Die Kirchturmglocke läutete. Mein Blick schweifte zum benachbarten Friedhof, wo sich gerade eine schwarz gekleidete Eskorte formierte.

Ich schluckte trocken. Dann blickte ich mich nervös um.
In diesem Augenblick war ich unendlich froh darüber, die Letzte gewesen zu sein.
Ich spürte in mich hinein. Erstaunlicherweise war ich nicht fähig dazu, wütend zu sein.
Ich merkte lediglich, wie sich eine tristlose Leere in mir ausbreitete.

„Und eines Tages blickt man sie voller Stolz an und ist mit einem Mal entschädigt für all die Mühen, die man sich gemacht hat“, hallte es durch die karge Felslandschaft meiner gepeinigten Seele.
Wie oft hatte ich diesen Satz schon von Müttern zu hören bekommen.
Das waren Frauen, deren Herzen vor Liebe überflossen.

Das Einzige, was bei mir in jenem Moment floss, waren heiße Tränen der Reue

Dieser Tag, von dem alle sprachen, schien bei mir noch nicht mal ansatzweise in Reichweite zu sein. Ich verlor sogar den Glauben daran, dass er überhaupt existierte.
Das war doch alles nur Schönrederei, um die unbequeme Wahrheit zu vertuschen.
Diese sieht wie folgt aus: Wenn man Kinder in die Welt setzt, hangelt man sich jahrelang von einem Nervenzusammenbruch zum nächsten. Wer diesen unfairen Wettkampf durchhält, hat gewonnen.
Nur die Harten kommen in den Garten. Ende der Geschichte.

Auch ich war ein Darsteller jener schwarzen Komödie.
Diese Feststellung ließ meine linke Hand theatralisch zitternd zu meiner Brust wandern.
Diese Schmerzen!
Aus halb geöffneten Lidern betrachtete ich das, was eine Mutter feierlich als Frucht ihrers Leibes bezeichnet. Ich stellte fest: Irgendwas war schief gelaufen.
Vielleicht hatte man mich zum falschen Zeitpunkt geerntet. Diese Frucht, die im Angesicht meines drohenden Dahinscheidens immer noch völlig selbstvergessen mit den Todesbuchstaben herumspielte, schien mir etwas verfault.

Womit hatte ich das verdient?

War das die Strafe Gottes dafür, dass ich mit Achtzehn aus der Kirche ausgetreten war und mir im Laufe meines Lebens ein beträchtliches Repertoire an ruchlosen Schimpfwörtern angeeignet hatte, die ich in entsprechenden Situationen demonstrativ gen Himmel brüllte?
Das war mehr als ich verkraften konnte.
Meinetwegen konnte mich die trauernde Eskorte auf dem Rückweg gleich mitnehmen.
Ich erwartete nichts mehr von diesem irdischen Dasein.
Bei faulen Lebensmitteln kann man nichts mehr wegschneiden, denn dieses niederträchtige Schimmelmyzel hat bereits alles unterminiert. Bei einer verdorbenen Stelle ist gleich die ganze Packung für die Katz.

Ich musste endlich aufhören, mir etwas vorzumachen und der bitteren Realität ins Auge blicken.
Mein geplagtes Herz zog sich fester zusammen und ich fürchtete für einen kurzen Schreckensmoment, einem Schlaganfall nahe zu sein. Doch mein Körper wusste sich zu mit einer Adrenalinwelle zu helfen.

Vor meinem geistigen Auge formierte sich die Schlagzeile: „Respektloses Haidenkind schändet Grab!“
Noch ehe mein Verstand diese Vorstellung in ihrem ganzen Umfang realisiert hatte, war ich blitzschnell wieder auf den Beinen.
Ich spürte, wie mein inneres Kind aus seinem Kellerloch gekrochen kam, um an meiner kurzzeitig unbewachten Schaltzentzrale die Knöpfe zu drücken.

Und mein inneres Kind ist niemand anders als Klaus Kinski mit ner Nase voll Stoff

Eigentlich es es unnötig zu erwähnen, dass ich plötzlich voll drauf war.
Das Blut rauschte durch meinen Adern wie ein angeschwollener Fluss in einem engen Canyon.
Mit heftig pochendem Herzen stellte ich sicher, dass kein Zeuge in der Nähe war. Ein Glück.
Wenn mein lebensmüder Blick fündig geworden wäre, hätte ich mit dem unschuldigen Opfer ohne zu Zögern kurzen Prozess gemacht. Mein innerer Kinski ist da knallhart.

Doch da war niemand. Infolgedessen schleifte ich das verwunderte Kind zielstrebig hinter mir her.
Die Grabstein-Buchstaben klirrten verdächtig in der Brotzeitbox, wo ich sie kurzerhand hineingeschmissen hatte. Die Heimfahrt über sprach ich kein Wort.

Am nächsten Morgen schlichen zwei dubiose Gestalten in der frühmorgendlichen Dämmerung um das Schulhaus. Allein das markante Klappern verriet, um wen es sich handelte.
Der Sohn sollte mir zeigen, wo er die Buchstaben entwendet hatte.
In einem langen Streitgespräch am Vorabend hatte ich darauf bestanden, dass er alles wieder fein säuberlich montieren würde.

Vor dem Friedhofseingang bog das Kind ab und steuerte auf zwei Müllcontainer zu

Dort befand sich der ausrangierte Grabstein, den ich gleich an seinen fehlenden Lettern erkannte.
Die Erleichterung durchflutete mich so tiefgreifend, dass ich demütig auf die Knie sank.
Euphorisch betastete ich den Grabstein, der ziemlich lädiert neben anderem Unrat herumstand.
Mir war, als würden kleine dicke Putten in goldenen Gewändern vom Himmel trompeten.
Und auf einmal fühlte ich es: Mein liebesdurchtränkter Blick richtete sich auf das irritierte Kind, das von einer Wolke aus Goldstaub umgeben zu sein schien.

Alle Pein der letzten Jahre war so weit in den Hintergrund gerückt wie nie zuvor.
Stolz wallte so glühend heiß in  mir auf, dass es mir beinahe das Herz zerriss.
Ich war auf einen Schlag für alle Mühen entschädigt.

„Junge“, lallte ich nahezu fanatisch, „ich bin ja so froh…“
Es fiel mir schwer, den Satz zu Ende zu bringen. 
Mit letzter Kraft klammerte ich mich am Hosenbein des Kindes fest und fügte hinzu: „…dass du den kaputten Grabstein…“
Peinlich berührt sah sich mein Sohn um.
Die ersten frühen Schüler waren schon in der Ferne zu hören.

Ich raffte mich auf, tätschelte ihm abwesend den Kopf und machte klar, dass er sich die Mühe der Montage sparen könne. Milde lächelnd steckte ich dem kleinen Satansbraten seine klappernde Brotzeitdose in den Ranzen und verabschiedete mich.

Auf dem Rückweg schwor ich mir jedoch eines: Pädagogik hin oder her – beim nächsten Mal würde ich ihn gewinnen lassen.

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