Nachdem der erste Pseudogeburtstag in der Krabbelgruppe ohne größere Schäden überstanden war, begnügte sich mein Sohn in den folgenden drei Jahren mit Feiern im familiären Umfeld.
Das änderte sich, als er in den Kindergarten kam.
Mit dem Ergebnis, dass nächste Woche seine fünf Kindergartenbuddies zur bombastischen vierten Geburtstagsparty anrollen würden.
Kein Problem, dachte ich.

Wie schwer kann das schon sein, eine Handvoll Knirpse zu bespaßen?
Weil ich anlässlich dieser Premiere (und vermutlich auch wegen des schlechten Gewissens bezüglich meiner Geburtstagsamnesie) einen auf Vorzeigemutter machen wollte, war ich bestens ausgestattet:
Ich kaufte Tontöpfe, wasserfeste Farben, Pflanzerde und Blumensamen.
Dabei malte ich mir aus, wie die kleinen Geburtstagsgäste von ihren Eltern abgeholt wurden, die über die kreativen Basteleien in Verzückung gerieten und mir anerkennend zunickten.
Meine Brust schwoll vor theoretischem Stolz. Mit Elan machte ich mich an die Arbeit.
Eine Geburtstagstorte musste her.
Diese Aufgabe gestaltete sich jedoch als schwierig, da meine Backkünste unterirdisch sind.

Das Problem ist: ich backe nicht mit Liebe, sondern mit einer extra Portion Wut

Genauso sieht auch das Ergebnis aus: außen verbrannt und innen roh.
Wenn man das jetzt schönreden wollte, könnte man sagen, dass ich Emotionen in Backwaren transformieren kann.
Sollte ich mir Wut als Verkörperung vorstellen, hätte sie exakt die Beschaffenheit meiner Kuchen.
Doch ich wollte es mir selbst beweisen und eine Traumtorte zaubern.

Leider war der erste Versuch ziemlich misslungen – ich klopfte erwartungsvoll auf die Kastenform und zum Vorschein kam eine Art Baseballschlägerkuchen.
Der war so knüppelhart, damit hätte man einem Einbrecher im Notfall eins überziehen können.
Weil ich Selbstironie in verzweifelten Situationen ziemlich gut finde, drapierte ich den Kuchen vorsorglich auf meinem Nachttisch.
Zum Glück gelang der zweite nicht ganz so ehrgeizige Backversuch mit einem idiotensicheren Rezept aus dem Netz. Nun konnte es losgehen. Ich wähnte alles in trockenen Tüchern.

Am nächsten Tag war es dann soweit.
Mein Sohn hatte vor Aufregung kaum geschlafen und so war auch ich relativ lädiert aufgestanden.
Doch als gegen Mittag die ersten Gäste eintrudelten, war ich in bester Stimmung.
Der große Moment war gekommen: Voller Stolz auf meine Teigkreation, deren Konsistenz tatsächlich einem echten Kuchen ähnelte, schnitt ich die Torte an.
Ich zuckte zusammen, als ein Piefke dazwischen krähte: „Sind da Nüsse drin?“
Ich überlegte kurz. Klar waren da Nüsse drin.

Ich musste den Teig mit Resten aus der Speisekammer strecken, da der Baseballschläger so viel Mehl verbraucht hatte

„Das darf ich nicht essen, ich bin gegen Nüsse allergisch“, quäkte es in mein Ohr.
Verdammt, erster Fauxpas, schoss es mir durch den Kopf.
Nur die Ruhe bewahren, dann gib dem Lütten ein Eis am Stiel an die Hand und die Welt ist in Ordnung. Dachte ich zumindest.

Es handelte sich nämlich um ein ziemlich verwöhntes Exemplar Kind, das ganz eigene Vorstellungen von gutem Geschmack hatte und letztlich lustlos an einer Banane herum lutschte, währen die anderen sich gierig über den Kuchen hermachten.
Ich nutzte die Gelegenheit, um in der Küche aufzuräumen.
Plötzlich wurde alles sehr hektisch.
Parallel zum Abräumen des Geschirrs versuchte ich die Gäste anzuleiten, sich die verschmierten Hände zu waschen. Als Resultat stand eine Kinderschlange vor dem Bad, wo mein Sohn sein singendes Töpfchen präsentierte.
Das macht mit Hilfe eines Sensors Geräusche und spielt Lieder ab, sobald sich der Plastikeinsatz füllt.

Die Kinder waren von dieser Innovation begeistert und jeder wollte das Töpfchen unter den anfeuernden Rufen der anderen ausgiebig testen. Dazu ging die Toilettenspülung im Dauerlauf.
In der Zwischenzeit platzierte ich die Tontöpfe samt Farben voller Vorfreude auf dem Esstisch.
Beim Sortieren der Samentütchen wurde ich von einer Meute wild gewordener Kinder umgerannt.
Sie hatten genug von dem Töpfchen und wollten draußen spielen.
Leicht angenervt sorgte ich dafür, dass alle ordentlich angezogen waren, und entließ sie hinaus.

Gerade als ich mir einen Rest Kuchen einverleiben wollte, um meinen Zuckerspiegel zu halten, drang ein markerschütternder Schrei an mein Ohr

Ich ließ klirrend die Gabel fallen, rannte hinaus und ward Zeuge einer Streitigkeit über Spielgeräte. Leider lassen sich ein Traktor, ein Laufrad, ein Roller und ein kleines Fahrrad nicht gerecht unter sechs Kindern aufteilen.
Ich erklärte ihnen, dass sie sich abwechseln sollten, und ging wieder hinein.
Ich musste nämlich dringend aufs Klo.

Doch soweit kam es gar nicht. Der Nussallergiker stürmte mit seinen matschigen Gummistiefeln in die Wohnung und erklärte mir schreiender Weise, dass seine Schwester verschwunden sei.
Die Kleine war wohl beleidigt, da sie kein Gefährt abbekommen hatte, und war auf die Straße gerannt. Folglich startete ich eine Suchaktion, die nach einer gefühlten halben Stunde erfolgreich war.
Das Mädchen saß bloßfüßig und mit trotzrotem Kopf im Gestrüpp.

Es ließ sich zwar von mir herumtragen und auf eine Gartenbank setzen, doch seine Stiefel wollte es auf keinen Fall wieder anziehen. Bei vorfrühlingshaften 13 Grad eher keine so gute Idee.
Ich stand der Verzweiflung nahe.
Meine beschwörenden Worte gingen in dem Gegröle der anderen unter, die mit den Gefährten Autoscooter spielten. Das ging so weit, dass ein Junge das Lenkrad des Traktors abriss und es triumphierend in die Höhe hielt.
In dem Augenblick spuckte mir die kleine Rotzgöre ins Gesicht, da sie meine Versuche, ihr die Stiefel anzuziehen, Leid war.

Meine Miene verfinsterte sich

Wenn jetzt kein Wunder passiert, garantiere ich für nichts mehr, dachte ich grimmig.
„Na was ist denn hier los?“, schallte es mit einer Mischung aus gespielter Höflichkeit und aufrichtiger Verwirrung aus dem Mund eines Vaters.
Er war gerade um die Hausecke gekommen und musterte abwechselnd mein mit Kinderspucke verziertes Gesicht und seinen Sohn, der immer noch das abgerissene Lenkrad hochhielt.

„Alles gut, wir haben nur gespielt“, säuselte ich angestrengt und wischte mir mit dem Ärmel übers Gesicht. Da kam auch schon die Mutter des Lamamädchens und hatte zu meiner hämischen Freude ebenfalls Probleme mit dem Anziehen der Stiefel.
Doch sie fackelte nicht lange und klemmte sich das kreischende Kind unter einen Arm.
Mit dem Nussallergiker an der anderen Hand marschierte sie ab.
Der Traktor-Randalierer hatte auch schon seine Standpauke erhalten und wurde ebenfalls unter lautem Geschrei abgeschleppt.
Wenig später trudelten die anderen Eltern ein und erlösten mich von der Geburtstagsqual.

Endlich hatte ich meinen völlig überdrehten Sohn ins Bett gebracht, das größte Chaos beseitigt und meine Grundbedürfnisse in Form von Essen und Toilettengang befriedigt.
Missbilligend beäugte ich die Tontöpfe.
Der Schuss mit der pädagogisch wertvollen Geburtstagseinlage war noch nicht einmal nach hinten losgegangen – er hatte gar nicht erst stattgefunden.

Aus meinem Inneren drang ein tiefer Seufzer.
Ich hatte nicht gewusst, dass man innerhalb von vier Stunden um gefühlte zehn Jahre altern konnte. Nach dem Zähneputzen schaffte ich es gerade noch zum Bett, wo ich in voller Montur einschlief. Doch Erholung sollte mir immer noch nicht vergönnt sein.

Mitten in der Nacht vernahm ich ein eigenartiges Geräusch

Stocksteif richtete ich mich im Bett auf.
Meine Sinne waren aufs Äußerste geschärft und ich griff Instinktiv zu meinem Kastenform-Baseballschläger.
Angestrengt lauschte ich und vernahm eine unheimliche Stimme, die sang:
„Nimm Papier, nimm Papier, von der Rolle neben mir.“
Das muss ein Wahnsinniger sein, schoss es mir durch den Kopf.

Beherzt und mit zitternden Knien schlich ich dem Geräusch nach in Richtung Badezimmer.
Meine Finger umklammerten krampfhaft die harte Kruste des Kuchens und gruben sich in das matschige Innere.
„Nimm dir ein paar Blätter, eins zwei drei Blätter, oder auch vier. Komm, sing mit mir“, tönte die schlumpfige Stimme, als ich vorsichtig durch die angelehnte Tür spähte.
Ich wagte einen Schritt hinein und schaltete das Licht an.
Zu meinen Füßen stand das Töpfchen und sang.
Es hatte einen Wackelkontakt durch die intensive Nutzung der Geburtstagsgäste und trällerte munter sein elektronisches Liedchen.

Da brannten auch bei mir die Sicherungen durch

Mein linkes Auge begann zu zucken. Dann schlug ich zu.
Wie eine Geisteskranke drosch ich mit dem knüppelharten Kuchen auf das Töpfchen ein, bis mir die Schaltkreise nur so um die Ohren flogen.
Das Lied verzerrte sich zu einem verstörenden Rauschen mit einzelnen piepsigen Wortfetzen, bis es endgültig erstarb.

Die plötzliche Stille ließ mich wieder zu Sinnen kommen.
Schweißgebadet betrachtete ich mein Werk: Das Bad glich einem bizarren Schlachtfeld aus Teigfetzen, Plastiksplittern und Drähten.
Im Waschbecken lag der zerbeulte Spülknopf des Kinderklos.
Als ich einen scheuen Blick in den Spiegel riskierte, sah mir der Wahnsinn entgegen – eine Mischung aus Klaus Kinski und Jack Nicholson.
Letzterer hätte mich für meine Psycho-Performance zweifellos beneidet.

Ich wusch mir das Gesicht mit kaltem Wasser.
Beschämt stopfte ich die Sauerei in einen riesigen schwarzen Müllsack, den ich anschließend im Keller verschwinden ließ.
Dann wandelte ich wie ein Zombie zum PC, um per Overnight Express ein neues Töpfchen anzuordern.
Kraftlos sank ich auf die Knie.
Das war zuviel – ich war reif für die Anstalt.
Bevor mich die geistige Umnachtung vollends einnebelte, fasste ich einen Entschluss:
Der nächste Kindergeburtstag konnte meinetwegen an Bord einer Raumstation, auf dem Riesenrad oder
in einer Tiefgarage stattfinden – aber ganz gewiss nicht in meiner Wohnung.

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