Träume sind Schäume oder: wie die Bill-Kaulitz-Kugel in den Pool des Pornokönigs rollte

Bild: Fotolia ©Aleksei Nabokov

 

Ich liege an Deck einer luxuriösen Yacht und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen.

Die sanfte Meeresbrise weht mir um die Nase und ich denke ausnahmsweise mal an gar nichts.

Plötzlich merke ich, wie sich etwas Schweres am Fußende meiner Liege niederlässt.

Durch das entstandene Ungleichgewicht werde ich in die Höhe gelupft, rolle auf die Seite und lande unsanft auf den blank geschrubbten Holzplanken.

Der Liegestuhl ächzt unter dem Gewicht einer recht opulenten Frau, die sich mit einem erleichterten Seufzer darauf niederlässt. Ihr superknappes Bikinihöschen ist zwischen den Pobacken verschwunden.

Ich springe empört auf und will die Dame zur Rede stellen.

In dem Moment patscht von hinten eine behaarte Pranke auf meine Schulter.

Sie hinterlässt einen weißen Abdruck auf meiner sonnenverbrannten Haut.

Ich zucke schmerzlich zusammen und drehe mich um.

„Hier haben Sie also gesteckt, ich hab Sie schon die ganze Zeit gesucht“, röhrt der Handbesitzer..

Er ist geschätzt Mitte fünfzig, trägt eine große rosa Sonnenbrille und das krause Brusthaar quillt aus dem Ausschnitt seines schrillgelben Hawaiihemdes hervor.

Um seinen faltigen Hals hängen etliche Gold- und Silberkettchen mit diversen Anhängern.

Einer ist besonders auffällig.

Er trägt die Inschrift: „King of Ass“ in diamantverzierten Lettern.

Ich bin geblendet von dem ganzen Klimbim und kneife die Augen zusammen.

Der Mann hebt seine Hand. An jedem Wurstfinger steckt mindestens ein überdimensionierter Ring.

„Wann machen wir die Aufnahmen? Die Mädels sind schon ganz verrückt“, bemerkt der Typ und lässt seine Tatze auf den drallen Hintern der Sonnenanbeterin klatschen.

Die kreischt erschrocken auf und scheint nicht zu wissen, wie sie reagieren soll.

Wie ich finde ist das eine gerechte Strafe dafür, dass sie mich so unverschämt von meinem Platz bugsiert hat. Voller Genugtuung beobachte ich ihren Allerwertesten, der immer noch von der Resonanz des Patschers nachschwabbelt.

„Ich weiß schon, was meinen Mädels gefällt“, säuselt der Mann und zupft überlegen an seinen schulterlangen grauen Löckchen.

Dann wendet er sich wieder mir zu: „In einer Stunde im Billardsalon. Der Zeitplan ist straff“.

Mit einem Blick auf meinen Sonnenbrand fügt er an: „Und gönnen Sie sich zuvor eine Abkühlung im Pool, das sieht ja böse aus“.

Er schnippt meinem verdatterten Gesicht einen Fünzig-Euro-Schein entgegen: „Trinkgeld. Ich erwarte Sie pünktlich.“

Damit marschiert er davon. Sein Schmuck klimpert bei jedem Schritt.

Ich stehe total auf dem Schlauch.

Unentschlossen wandere ich auf der Yacht herum. Ich gelange zu einer Art Rezeption.

Dort kann ich einem Roomboy mit eingeöltem nackten Oberkörper durch geschickte Fragen dazu bringen, mir die Situation zu erklären.

Es stellt sich heraus, dass ich mich auf der Luxusyacht eines Pornokönigs befinde, der von allen nur „King of Ass“ genannt wird.

Wie man sich denken kann, ist der Name Programm.

Weiterhin lässt sich in Erfahrung bringen, dass ich zusammen mit anderen Journalisten an Bord geholt wurde, um Werbefotos für den neuesten Film des Königs zu schießen.

Unglaublich!

Lässig zücke ich den Königsfuffi aus meinem Oberteil und stecke ihn dem Roomboy zu.

Als Dankeschön für die Infos. Und weil er einfach verboten gut aussieht.

Der Schönling klemmt sich das Scheinchen mit einem anzüglichen Grinsen in den Bund seiner knappen roten Shorts. Ich muss schlucken.

Ich könnte schwach werden, doch die Arbeit ruft.

Außerdem will ich dem Rat des Regisseurs nachkommen.

Ich folge der Beschilderung Richtung Pool.

Dort sind unzählige Frauen mit sehr ausladendem Gesäß versammelt. Dazwischen lungern offensichtlich einige meiner Kollegen. Sie zielen mit ihren dicken Objektiven auf die dicken Hintern.

Es ist mir peinlich. Ich will schleunigst ins Wasser.

Als ich ins kühle Nass gleite, verspüre ich Erleichterung.

Ich schwimme einige Runden und steige über die Leiter am anderen Ende des Pools wieder hinaus.

„Platz da, hier kommt der Zug!“, quäkt eine verärgerte Stimme.

Ich drehe mich nach links und bemerke lauter Schienen, die sich in zahlreichen Kurven neben dem Pool entlang schlängeln.

Es gibt sogar eine Schrankenanlage mit authentischen Geräuschen.

Neben dem Miniaturbahnhof kniet der Sänger von Tokio Hotel und trompetet: „Abfahrt von Gleis eins!“

Ich reibe mir die Augen.

„Na wird’s bald!“, schimpft der Lokführer, der trotz der Hitze seine charakteristische Lederjacke trägt.

Ich weiche einen Schritt zur Seite, um den wütend tutenden Zug hindurchzulassen.

Mich überkommt eine seltsame Anwandlung.

„Darf ich auch mal?“, frage ich.

Mein Anliegen wird ignoriert.

Kurz darauf entbrennt ein Streit um die Bedienung der Schrankenanlage, da ich der festen Überzeugung bin, als Gast auf dieser exklusiven Yacht auch ein Recht auf Vergnügen zu haben. Und da ich keinerlei persönliches Interesse an den anwesenden Damen habe, bleibt halt nur noch der verdammte Zug!

Ich ziehe an Bills Haaren, die zu meiner Verblüffung echt sind, und kralle meine Fingernägel in seine schmalen Handgelenke.

Bitchfight deluxe. Nur dass die eine Bitch vorgeblich ein Kerl ist.

Um uns herum entsteht eine Traube aus verrückt spielenden Bikini-Mädchen.

Die Fotografen kommen herbei geeilt und verballern ihren gesamten Speicherplatz für diesen absurden Kinderkram.

PLATSCH!

Die Conni-Bill-Kaulitz-Kugel ist soeben in den Pool gerollt.

Ich lasse los, schlage um mich uns schnappe nach Luft.

Triumphierend halte ich die Bedienung mit der rechten Hand über Wasser und drücke dauerhaft den Schrankenknopf.

Begeistert hüpfen die Mädels im Takt meines Bimmel-Beats auf und ab, sodass ihre falschen Brüste recht neckisch wackeln. Eine Blondine entkorkt eine Sektflasche und übergießt ihre kreischenden Freundinnen mit dem schäumenden Getränk.

Ich weiß eben, was meine Mädels wollen, denke ich bei mir und lache hysterisch.

Jetzt bin ich total übergeschnappt.

Mit einem erzürnten Jaulen stürzt sich Bill auf mich. Der erfolgsverwöhnte Hammel kann es wohl nicht ertragen, wenn man ihm die Show stiehlt.

Geschickt erklimme ich mit einer Hand die Leiter und ziehe mich nach oben.

Die Frauen brechen in heillose Begeisterung aus.

Ich werfe Bill die Bedienung zu.

Jetzt wo der lautstarke Bass der Musikanlage ertönt, brauche ich das Gebimmel nicht mehr.

Ich bewege mich zielsicher auf eine exotische langbeinige Schönheit zu.

Wie der Proll schlechthin positioniere ich mich hinter ihr und vollführe mit meinen Hüften ordinäre Stoßbewegungen in ihre Richtung. Sie drückt das Kreuz durch und kommt mir arschwackelnd entgegen.

Da spüre ich eine wohlgeformte Hand an meiner Taille. Ich blicke über die Schulter und erkenne den Poolboy. Der kommt gerade recht. Wir bilden eine unanständige Polonaise.

Wenn das nicht in einer Orgie enden soll, muss ein Wunder geschehen, schießt es mir durch den Kopf.

Wie auf Bestellung teilt sich die Menge.

Eine monströse Kanzel rollt heran.

Ich blinzle gegen das Licht und erkenne die Silhouette eines Toupets.

Alles verstummt wie auf Knopfdruck. Sogar Bill hat den Fahrbetrieb eingestellt.

Gebannt blicken alle nach oben, von wo aus das aufgedunsene Gesicht von Donald Trump auf den Pöbel herab blickt.

Unter dem erbarmungslosen Einfluss der Sonne ist seine Haut krebsrot.

Ich kann nicht fassen was ich da sehe und muss mich immer wieder kneifen.

Trump wischt sich den Schweiß mit einem Taschentuch vom Gesicht, greift nach dem Mikrofon und räuspert sich. Doch es will nichts Anständiges aus seinem Mund herauskommen.

Ein Raunen macht sich breit.

Sichtlich verspannt nestelt der Präsident an seinem Hemdkragen herum.

Ein Knopf springt ab.

Trump reißt sich das Hemd auf. Die Anwesenden schreien entrüstet auf.

Von seiner Wange hängt ein Hautfetzen hinab und flattert in der Brise.

Hektisch versucht der Verunstaltete, sich wieder in Form zu bringen. Erfolglos.

Wie Wachs zerläuft das Antlitz.

Mit einem zornerfüllten Schrei fummelt Trump an seinem Gesicht herum.

Er reißt sich die Maske vom Kopf, die vor den Füßen eines Bikinimädels landet.

Dieses fällt prompt in Ohnmacht. Niemand hilft ihr.

Ungläubig starrt die Versammlung nach oben.

Der kleine kahle Kopf von Steve Jobs wirkt auf den breiten Präsidentenschultern völlig deplatziert.

Er zappelt, wirft seine schwere Hülle ab und tanzt in grauen Feinripp-Unterhosen wie ein Rumpelstilzchen auf der Kanzel herum.

„VERARSCHT! ICH LEBE! DAS IST DER GRÖSSTE PRANK DER MENSCHHEITSGESCHICHTE!“ prustet er ins Mikro.

Ein Tumult bahnt sich an. Fäuste klammern sich angriffslustig um Sektflaschen.

Eine Modellbahn saust zischend durch die Luft und verfehlt den Redner um Haaresbreite.

Der Emo-Spacken ist als doch zu was nütze! Ich nicke Bill bewundernd zu.

Jobs stört das überhaupt nicht. Er grinst selbstgewiss drein und blickt dann herausfordernd nach oben.

Dort ist ein kleiner roter Punkt zu erkennen, der mit beachtlicher Geschwindigkeit näher kommt.

Das Meer wird unruhig und die Gischt spritzt mir ins Gesicht. 

Ein ohrenbetäubendes Dröhnen ist zu vernehmen.

Eine Handbreit über Jobs Kopf wird eine Strickleiter hinabgelassen. Am anderen Ende befindet sich ein Hubschrauber.

Ich muss all meine Kraft aufbringen, um nicht vom Luftstrom der mächtigen Rotoren umgeblasen zu werden.

Ich sehe, wie Jobs sich an einer Sprosse festklammert und mit den Worten: „MACHTS GUT IHR TROTTEL!“ abhebt.

Dabei vergesse ich mich festzuhalten und werde kurzerhand in den Pool geweht.

Mir brennt das Chlorwasser in den Augen. Ich gerate in Panik und schlucke Wasser.

Raus, nur schnell raus!

Wieder Wasser. Auch noch Kaltes.

 

„Mamaaa!!“

 

Ich öffne die Augen.

Im fahlen Lichtschein, den die Rollläden hindurch lassen, erkenne ich die Umrisse des Kindes.

Es hat eine Schüssel Wasser und einen Waschlappen in der Hand, den es bedrohlich erhoben hat.

„Nein! Kein Wasser mehr!“, bringe ich würgend hervor.

Das Kind lässt die Hand sinken. Der Waschlappen landet mit einem Klatscher in der Schüssel.

Meine Laken sind nass und völlig zerwühlt. Wie lange hatte mich das Kind gefoltert?

Ich blinzle auf den Wecker. Er zeigt sechs Uhr morgens an. 

Eine unchristliche Zeit.

Das ist der Nachteil, wenn Kinder konfessionslos aufwachsen. Die sind so dreist und machen sogar am heiligen Sabbat Radau.

Meine schillernde Traumwelt ist zerplatzt wie eine Seifenblase. Zurück bleibt nur farbloser Schaum.

Murrend ziehe ich mich an, um einer weiteren Waschlappen-Attacke zu entgehen.

Das Kind weiß ganz genau, wie es mich dressieren muss.

Ich bin wie die Katze, die fauchend vor der Sprühflasche zurückweicht.

Ich stehe in der Küche und überlege, inwiefern diese Konditionierung Seitens des Kindes Auswirkungen auf meine Psyche haben könnte.

Vielleicht sind meine absonderlichen Träumereien Warnungen des Unterbewusstseins.

Was Freud wohl dazu sagen würde?

Wir werden es nie erfahren.

Und dabei höre ich noch nicht mal Tokio Hotel.  Alles sehr seltsam.

 

Ich versuche, das Ganze positiv zu betrachten.

Wie heißt es doch so schön: träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.

In meinem Fall ist dieser verallgemeinernde Spruch eher unpassend.

Lassen wir das.

Ich beschränke mich auf das was ich kann und tu dann mal lieber die Möhrchen.

 

Gute Nacht!

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Kommentare: 4
  • #1

    Rabenmutter (Samstag, 19 Mai 2018 23:23)

    *Lach*
    Du verrückte Nudel!
    Ich glaube für Freud wäre deine lebhafte Fantasie ein hoffnungsloser Fall gewesen.
    Aber eins hab ich nicht kapiert: was hat es mit den Möhrchen auf sich? Ist das ein Insider?

  • #2

    Meg (Dienstag, 05 Juni 2018 22:20)

    Du hast wenigstens interessante Traumerlebnisse. Ich bin heute gerädert aufgewacht, nach einem gefühlt endlos langen Traum in dem ich *jetzt kommts* vor einem riesigen Nudelregal (!!!) stand und mich nicht entscheiden konnte, welche Pasta ich nehmen sollte.
    Irgendwie erschreckend. Ich glaube in meinem Leben passiert zu wenig, seit ich Mutter bin. Hmm...

  • #3

    Muttersprach (Donnerstag, 07 Juni 2018 22:16)

    Hi Rabenmutter,
    also das mit den Möhrchen ist ein Textauszug aus einem Helge Schneider Song. :-)
    Der hatte mal Kultstatus, ist aber schon was her.

    @ Meg: Keine Sorge, ich träume nicht jede Nacht so wild!
    Aber grundsätzlich sind meine Nächte schon geprägt von verrückten und fantastischen Vorkommnissen. Darin steckt theoretisch Potenzial für weitere Geschichten. Mal sehen was so rumkommt. Leider komme ich zur Zeit nicht dazu, regelmäßig zu schreiben. Ideen habe ich genug, an der Umsetzung haperts ein bisschen.

    Eine gute Zeit euch!
    Conni

  • #4

    Geli (Sonntag, 10 Juni 2018 23:01)

    Abends vor dem Einschlafen kreisen meine Gedanken oft wie verrückt. Dann schau ich auf deinen Blog. Ich weiß nicht warum, aber es hilft.
    Vielleicht träume ich jetzt auch solche Sachen wie du :-)))