Als der schwule Stripper und ich die Swinger-Party crashten

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Wenn ich sage, dass ich gemeinsam mit drei Freundinnen im Swingerclub war, kann man regelrecht zusehen, wie bei den jeweiligen Gesprächspartnern das Kopfkino anläuft.

Den Gesichtsausdrücken nach zu urteilen, reihen sich wilde Gangbang-Fantasien in schmuddeligem Ambiente neben stramm gezogene Nippelklemmen an wippenden Silikonbrüsten.

Einige Sekunden nachdem diese Filmchen abgelaufen sind, blicken meine Gegenüber erwartungsvoll in meine Richtung. Verständlicherweise wollen sie aufgeklärt werden über das, was da wirklich passiert ist.

 

Nun, so sei es.

 

Mit wackeligen Knien standen wir vor dem Gebäudekomplex, der sich im abgelegenen Industriegebiet eine knappe Stunde außerhalb der City befand.

Wir drückten uns vor der stählernen Eingangstür herum, weil keine von uns wagte, als Erste hineinzumarschieren. In der Erwartung, ekstatische Lustschreie zu vernehmen, horchten wir sogar an der Tür. Doch es drang kein Laut hervor.

Schließlich trippelten wir im Gänsemarsch hinter der Mutigsten her. 

Der erste Eindruck war elegant. Rote Samtvorhänge und eine Rezeption aus poliertem Mahagoni ließen uns inne halten. 

Die unnatürlich hohen Temperaturen waren nicht auf Alltagskleidung ausgelegt.

Eine herzliche Empfangsdame im schwarzen Lack-Korsett zeigte sich überrascht von unserer rein weiblichen Viererkonstellation und rief einen Angestellten herbei, der uns herumführen sollte.

Der äußerst attraktive Herr Mitte 30 stellte sich als Stripper vor.

Er war an die Tropenhitze gut angepasst und trug zu seiner schwarzen Anzughose lediglich eine Fliege um den Hals. Wir musterten sein stählernenes Sixpack unverhohlen.

Das war der erste Vorgeschmack. 

Routiniert zog der Stripper die schweren Vorhänge beiseite und führte uns in eine Welt jenseits aller Vorstellungskraft.

Ineinander verschlungene, von Schweiß glänzende Körper hatten ungezwungenen Sex.

Natürlich hatten wir uns Derartiges in Gedanken  ausgemalt, doch wenn man hautnah damit konfrontiert wird, ist das ungemein intensiv.

Ich rief mir die Worte der Empfangsdame ins Gedächtnis: "Hier gilt der Leitsatz: alles kann, nichts muss."

Genau das war nicht nur optisch wahrzunehmen, sondern auch am ganzen Körper spürbar.

Die Luft knisterte förmlich vor gelebter Erotik. 

Bevor wir uns ins Vergnügen stürzen durften, mussten wir uns umziehen. 

Von nackt bis Abendgarderobe war alles erlaubt - es sollte sexy sein und im besten Fall die Fantasie des Betrachters anregen.

Aus dem Augenwinkel erspähte ich einen Mann mit stark behaartem Bauchansatz in Feinrippunterhose. Dem ging der Dresscode offenbar am Arsch vorbei.

Glücklicherweise zählte er damit zur absoluten Minderheit.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele schöne Menschen auf einem Haufen gesehen zu haben. Das ist der klare Vorteil von Swingerparties mit Altersbegrenzung.

Im Umkleideraum zog eine dunkelhäutige Frau mit prallen Brüsten meine Aufmerksamkeit auf sich.

Sie zupfte sich die Strapshalter zurecht und lächelte uns aufmunternd zu. Ich war wie gebannt.

Was ihre Schönheit ausmachte, war ihre Natürlichkeit. Sie zeigte sich voller Stolz und genoss sichtlich ihre Weiblichkeit. Hier gab es nichts zu  verstecken. Man konnte alle Hüllen fallen lassen.

Als wir umgezogen waren, holte uns der Stripper ab.

Sein tuntiger Hüftschwung, die leicht nasale Aussprache und die Art, wie er mit spitzen Fingern gestikulierte, ließen mich erahnen, dass er sich sexuell nicht zu Frauen hingezogen fühlte.

Das Bedauern darüber hatte keine Zeit, sich zu manifestieren.

Der Stripper führte uns durch eine Disco, wo knapp bekleidete Frauen lasziv an Stangen tanzten.

Dann folgten wir ihm eine Wendeltreppe hinauf und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

In einem düsteren Erker des verwinkelten Obergeschosses hing ein Andreaskreuz.

Dem gegenüber stand ein Gynäkologenstuhl aus glänzendem Chrom.

Diverse Peitschen waren in Vorrichtungen an der Wand nebeneinandergereiht.

Auf dieser Ebene befanden sich noch Darkroom, Glory hole und verschiedene Themenzimmer - von Dschungel über 1001 Nacht bis hin zur Ritterburg.

Letztere verfügte sogar über ein Gefängnis, in dem die Insassen für ihre "bösen" Taten büßen konnten. Heiseres Stöhnen zwischen Lust und Qual drang daraus hervor.

Am Ende des Flurs gab es Sanitärräume mit Duschen sowie ein Pornokino, wo Gina Wilds Titten auf Großleinwand bestens zur Geltung kamen. 

"Hier beginnt gleich eine Vorstellung", teilt der Stripper den Anwesenden mit. 

Zahlreiche Menschen strömten herein. Wir ließen uns auf der Ledercouch nieder und warteten.

Eine gefühlte Ewigkeit verstrich. Kurz bevor wir uns entschlossen, weiterzugehen, verstummten die Gespräche ringsum.

Alle Augen richteten sich auf die Tür, durch die ein ätherisches Wesen hereinstöckelte.

Ich kam mir vor wie in einem Real-Life-Porno.

Die groß gewachsene Frau trug einen wallenden Vorhang aus Wasserstoffperoxid auf dem Kopf, der sich aufgrund ihrer überdimensionalen Plateauschuhe gefährlich nahe an der Decke befand.

Ihr hautenges Krankenschwesternoutfit aus Latex verbarg rein gar nichts.

Ich wusste wie sie nackt aussah, bevor sie sich überhaupt entkleidet hatte.

Ballonbrüste mit gepiercten Nippeln schlüpften quietschend aus dem Latex hervor.

Mittlerweile war die gute Frau von einem Halbkreis aus sabbernden Männern umgeben.

Diese standen um ein Podest herum, auf dem sich die Dame mit gespreizten Beinen niederließ. Während sie ungeniert an sich herumspielte, packten die Kerle ihre Schwänze aus.

Das war Kekswichsen für echte Männer.

Statt einem Gebäckstück war das Ziel eine nach Sperma lechzende Pornodarstellerin.

Mit offenen Mündern verfolgten wir das Schauspiel.

Eine Mischung aus Ekel und purer Faszination breitete sich in mir aus. 

Als die Typen anfingen, in ihrem animalischen Rausch über die Frau herzufallen, spürte ich etwas Nasses an meiner Schulter. Neben mir kauerte ein Mann in devoter Haltung, der gerade meine Schulter abgeleckt hatte. 

Mit hündischem Blick fragte er: "Darf ich deine Schulter lecken?"

Ich stand auf der Leitung. Das hatte er doch soeben getan. Ich machte ihm ganz eindeutig klar, dass ich das nicht wollte. Gegen Lecken habe ich ja grundsätzlich nichts einzuwenden, aber die Schulter zählt nicht zu meinen erogenen Zonen.

Überrascht stellte ich fest, dass ihn die Absage nicht im Geringsten störte.

Er zuckte unbeteiligt mit den Achseln und trollte sich. Ich dachte: Alles kann, nichts muss.

Wir hatten genug von dem Pornokino und verließen das Szenario. 

Nun brauchte ich dringend eine Pause.

Gott sei Dank war schon der Stripper zur Stelle, der ein beschützendes Auge auf uns geworfen hatte.

Er bot mir eine Massage an und so trennte ich mich von meinen Freundinnen.

Weiße Vorhänge teilten den Massagebereich vom stark frequentierten Flur ab.

Ein Schild wies ausdrücklich darauf hin, dass hier kein Geschlechtsverkehr erwünscht war. Darüber war ich erleichtert und ließ mich völlig entspannt durchkneten. 

Der hatte wirklich was auf dem Kasten und packte mit festem Griff zu.

So mag ich das.

Doch die Freude hielt nicht lange an: Im nächsten Augenblick spürte ich es unter mir Schwanken.

Dann krachte der Massagetisch zusammen. 

Die Detonation erschütterte das ganze Gebäude.

Als mich der Stripper geistesgegenwärtig vom Boden aufgeklaubt hatte, registrierte ich eine unnatürliche Stille.

Jemand zog den Vorhang beiseite und eine Menschentraube starrte entsetzt auf das, was sich dahinter verbarg. Es war wie in einem schlechten Theaterstück: Ein muskulöser Stripper hält ein zierliches, halbnacktes Mädchen fest.

Vor ihren sündigen Füßen die Trümmer einer ehemals robusten Massagebank.

Das Schild mit dem Sexverbot liegt auf dem Boden, halb verdeckt vom BH des Mädchens.

Ich glaube, ich habe mich noch nie so geschämt.

Zu allem Unglück kam auch noch eine streng aussehende Frau herbeigeeilt, die sich als Inhaberin entpuppte. Ihr Blick sprach Bände. So wie es für sie aussehen musste, rammelten ihre Angestellten nicht nur das Inventar kaputt, sondern verstießen zugleich auch gegen die Regeln.

 

Ich ließ den Stripper mit der Standpauke alleine und verzog mich zum Buffet, wo meine Freundinnen schon auf mich warteten.

Beim Austausch unserer bisherigen Erlebnisse stand fest, dass ich das Ranking mit meiner Aktion eindeutig anführte. Meinen verzweifelten Erklärungen schenkten sie keinen Glauben.

Ich wusste ja selbst nicht einmal, wie das geschehen konnte.

Somit war ich die Lachnummer des ganzen Schuppens.

Den Rest des Abends verbrachte ich in der Disco.

Eingehüllt in das schummrige Schwarzlicht fühlte ich mich sicher. Ich bestellte mir ein Getränk an der Bar und beobachtete die Tänzer. Nun hatte der Stripper einen Auftritt. 

Auf dem Stuhl neben mir nahm ein Mann Platz. Zu ihm gesellte sich eine Frau.

Die zwei knutschten wild herum.

Plötzlich ging die Frau auf die Knie, öffnete die Hose ihres Gefährten und fing beherzt an zu blasen. 

Fast hätte ich mein Glas fallen lassen. Ungläubig rieb ich mir die Augen.

Die ganze Szenerie erschien mir so unwirklich. 

Derweil hatte der Stripper seine Show unter tosendem Applaus beendet, sprang von der Bühne und tanzte eng mit meinen Freundinnen. Sie schmiegten sich an seinen schweißperlenden Körper.

Ich betrachtete das Schauspiel aus sicherer Entfernung, begleitet von den Schmatzgeräuschen der passionierten Bläserin. 

Ich konnte nicht anders, als vor mich hinzulächeln. Raum und Zeit verloren an Bedeutung.

Wir waren so berauscht von den surrealen Erlebnissen dieser Nacht, dass wir die letzte S-Bahn verpassten. In den frühen Morgenstunden fuhr der Stripper uns in seinem Mercedes nach Hause. 

 

Meine Gesprächspartner sind am Ende der Geschichte meist um Worte verlegen.

In ihren Augen spiegelt sich ein Wunsch, den sie sich nicht zugestehen wollen. 

Ich kann nur sagen: traut Euch!

Habt den Mut, die Erfahrung selbst zu machen.

Seid neugierig wie kleine Kinder. Langt auf die Herdplatte.

Sonst erfahrt ihr nie, ob sie wirklich heiß ist.

Und denkt dran: Alles kann , nichts muss.

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Kommentare: 10
  • #1

    Iris (Sonntag, 21 Januar 2018 20:58)

    Jetzt bin ich platt! Mein Mann und ich haben uns schon öfter überlegt, mal in den Swingerclub zu gehen um frischen Wind ins Liebesleben zu bringen. Wie du schon sagst, hat man da die wildesten Sachen im Kopf. Vielleicht trauen wir uns doch mal, wenn das wirklich so ungewzungen ist. Diesen Spruch: "alles kann, nichts muss" finde ich sehr gut! Aber die Massagebank lassen wir dann wohl lieber stehen, was? :-))

  • #2

    Muttersprach (Montag, 22 Januar 2018 12:19)

    Hi Iris.
    Nach meiner Erfahrung kann ich jedem nur raten, das mal auszuprobieren.
    Mann muss tatsächlich gar nichts tun. Außerdem bieten die meisten Clubs Abende speziell für Paare an.
    Viel Spaß! :-)

    Liebe Grüße,
    Conni

  • #3

    Morgana (Montag, 22 Januar 2018 21:41)

    Du traust dich was! Respekt!

  • #4

    Julie (Montag, 22 Januar 2018 22:41)

    Ist das eins zu eins so passiert? :-O

  • #5

    Muttersprach (Sonntag, 28 Januar 2018 16:21)

    Hi ihr Lieben und danke für euer Feedback!
    Ob das mutig ist, weiß ich nicht.
    In Zeiten, wo sich Christian und Ana in ausverkauften Kinosälen den Arsch versohlen, haben solche Geschichten durchaus ihre Berechtigung.
    Zumal es sich bei diesem Eintrag nicht um Fiktion handelt. Soll heißen: Es ist genau so passiert. Sowas kann sich kein Mensch ausdenken.

    LG
    Conni

  • #6

    Katja (Dienstag, 30 Januar 2018 20:26)

    Haha! Das hätt ich dir ja nie zugetraut! Unglaublich!
    Wie kommen denn vier Freundinnen dazu, in den Swingerclub zu gehen??
    Aber das mit den schönen jungen Menschen kauf ich dir nicht ab.
    Wie soll denn das angehen? Ist dort nicht Männnerüberschuss? Wenn ich an Swingerclub denke, habe ich alte Säcke im Kopf, die sabbernd neben den Vögelnden stehen und sich einen runterholen ... sorry das musste mal gesagt werden. Aus dem Grund war das für mich ein Tabu bisher.
    Der Artikel hat mich echt überrascht. Also positiv, irgendwie.
    Ach menno, jetzt bin ich total verwirrt :-)

  • #7

    Muttersprach (Mittwoch, 31 Januar 2018 22:32)

    Hey Katja,
    kein Grund zur Verwirrung: Das war ein Geburtstagsgeschenk für mich.
    Wir haben öfters darüber gesprochen und schließlich sind wir zu viert dorthin.
    Wir haben extra nach einem Event mit jungen Menschen gesucht.
    Es gab eine sogenannte "Youngster Party" - Alterslimit 35 Jahre.
    Es gibt jetzt immer mehr Swingerclubs, die sich auf junges Publikum ausrichten. Natürlich gibt es auch schmuddelige Etablissements, wo sich deine Befürchtungen leider bewahrheiten. Eine Freundin von mir hat da keine guten Erfahrungen gemacht. Aber wenn man sich vorher gründlich über den Club und dessen Angebote informiert und ein gutes Bauchgefühl hat, steht dem Vergnügen nichts im Wege. Swingerclub heißt nicht per se, Sex zu haben.
    Du kannst einfach nur rum knutschen, das Büffet plündern oder auf der Tanzfläche abgehen.
    Ich hoffe, damit ist dir geholfen :-)
    Liebe Grüße,
    Conni

  • #8

    Elvira (Dienstag, 06 Februar 2018 21:31)

    Wow.
    Ich oute mich hiermit als (bisher) stille Mitleserin.
    Irgendwas an deinen Geschichten ist so packend. Anders kann ich es nicht beschreiben. Egal welches Thema - du schreibst so, dass man unbedingt weiterlesen will. Ehrlich gesagt, als ich die Überschrift und das Bild sah, war ich geschockt!
    Trotzdem habe ich alles bis zum Ende gelesen.
    Was soll ich sagen?
    Ich bin auf eine mir völlig fremde Weise begeistert... obwohl in meinem Kopf alles schreit, dass dieses Thema anstößig und tabu ist. Nie im Leben habe ich mich mit dem Thema Swingerclub befasst. Noch weniger hätte ich damit gerechnet, darüber ausgerechnet in einem Mama-Blog (auch wenn er ungewöhnlich ist) zu lesen!
    Das hat mich geflasht. Vor allen Dingen bewundere ich deine Fähigkeit, scheinbar alles, egal was kommt, mit Humor zu nehmen.
    Ich hätte mich in Grund und Boden geschämt. Die Vorstellung, dass mich alle anstarren mit dem zerbrochenen Massagestuhl. Damit ist ja die ganze Anonymität dahin gewesen. Haben dich die Besucher auf den Vorfall angesprochen?
    Okay, bevor das ein Roman wird will ich dir noch sagen, dass ich deinen Mut bewundere. Ich finde, du bist eine starke Frau.
    Ich bin sehr neugierig auf die nächsten Blog-Beiträge.

    Herzlichst,
    Elvira

  • #9

    Muttersprach (Dienstag, 17 April 2018 19:56)

    Grüß dich Elvira!

    Über deinen ausführlichen Kommentar hab ich mich natürlich sehr gefreut - auch wenn meine Antwort leider etwas spät kommt.

    Ich muss zugeben, dass ich zwischendurch immer mal wieder Durststrecken habe, wo keine Motivation zum Schreiben aufkommt. Zum Teil sind die zeitlichen Abstände zwischen den Beiträgen groß.
    Daher sind solche ausführlichen Rückmeldungen ungeheuer wichtig, sie spornen mich an. Für mich ist es das Größte, wenn ich Menschen auf diese Weise erreichen kann, wie du es beschreibst. Danke Elvira.

    Ich wünsche dir alles Gute,
    Conni

  • #10

    Rabea Falcone (Dienstag, 12 Juni 2018 20:19)

    Ich sage dir, das ist komplett verrückt!
    Nicht psychiatrie-verrückt, sondern liebenswürdig-verrückt.
    In meiner Stadt gibt es einen Club. Ich war noch nie dort.
    Vielleicht, eines Tages...