Das Ass im Ärmel oder: Mutter und Sohn, am Abgrund vereint Teil 1

Bild: Fotolia ©blackday

 

 

Ich hätte mir nie erträumen lassen, dass ein Achtjähriger dermaßen abgebrüht sein kann.

Der Sohn erfuhr seine Umwelt, indem er sie in die beiden Begriffe „lahm“ und „geil“ unterteilte.

Was heute lahm war, konnte morgen schon wieder geil sein und umgekehrt.

Ich konnte mir also nie sicher sein – das Gelingen der folgenden Operation hing maßgeblich von seiner wechselhaften Laune ab. Das stellte eine besondere Herausforderung dar.

Der Spieler in mir ließ die Finger angriffslustig knacksen.

 

Das Kind hatte die zweite Klasse erfolgreich abgeschlossen.

In den Sommerferien blühte es regelrecht auf. Seine Energie schien unerschöpflich.

Mein Sohn gebärte sich wie der Duracell-Hase auf Speed. An Erholung war nicht zu denken.

Da es ziemlich lange hell war, kam er nur mit großer Mühe meinerseits vor 22 Uhr ins Bett.

Wenn der Junge dann wenigstens lange geschlafen hätte – doch pünktlich um sechs Uhr morgens krähte er seine Bedürfnisse dem Nebel entgegen, der mich um diese frühe Stunde umgab.

Wie eine Sünderin auf dem Weg zur Kreuzigung kroch ich allmorgendlich in die Küche, um das Frühstück zum Auftakt eines weiteren langen Ferientages zuzubereiten.

 

Wenn ich daran dachte, was mir in den nächsten zwölf Stunden noch alles bevorstehen würde, packte mich das kalte Grauen.

 

Ich strich die Tage im Kalender ab und stellte fest: es war gerade einmal eine von sechs Wochen vergangen. Die Zeit schien sich endlos zu dehnen.

Das Kind war mit nichts zufrieden und ich stolperte permanent über die Auswüchse seiner Langeweile: Experimente mit Wasser und Seife, die nach dem vierten verpatzten Versuch achtlos auf dem Boden liegen geblieben waren, Eisenbahnschienen, die sich von seinem Zimmer durch die ganze Wohnung erstreckten. Sie führten direkt vor der Toilettentür vorbei, sodass ich noch nicht einmal auf dem stillen Örtchen von dem enervierenden Schrankengebimmel verschont blieb - und als Krönung des Ganzen musste der arme Kater bei einer „Katzenschule“ herhalten.

 Hierbei versuchte der Sohn, dem verwirrten Tier den Inhalt seiner Schulhefte nahezubringen.

So kam es, dass sich sämtliche Hefte, Ordner sowie einzelne Blätter durch die komplette Wohnung verteilten. Dazwischen fuhr bimmelnd die Modellbahn, begleitet von einem lauten „Tuut Tuut!!“ des Jungen.

Doch zurück zur Schule: Angelehnt an das reale Vorbild, begann die Katzenschule frühmorgens.

Dass es einer Katze nicht einleuchtet, sich täglich um Punkt 6.15 Uhr von einem wild mit Tafelkreide gestikulierendem Kind belehren zu lassen, erscheint nachvollziehbar.

 „Der blöde Kater hört mir einfach nicht richtig zu!!“ schrie empört der Sohn.

Genervt entließ ich den unbelehrbaren Schüler in den Garten, damit ich wenigstens in Ruhe frühstücken konnte.

„Pause ist erst in zehn Minuten, wenn die erste Stunde vorbei ist!“ lautete der überflüssige Kommentar des Lehrers.

Ich überhörte den Prostest und erwärmte die Milch für mein Müsli.

In Gedanken stellte ich mir das Kind beim FBI vor. Selbst der abgebrühteste Schwerverbrecher würde nach einer Stunde in einem Raum mit dem Jungen kapitulieren. Ich sah einen ausgewachsenen Häftling in einer Ecke liegend am Daumen nuckeln, während der Junge auf dessen zusammengeketteten Füßen fleißig Gleise verlegte und „Tuut Tuut!!“ rief.

Als Chefkoch wäre mein Sprössling sicher auch nicht schlecht gewesen, schoss es mir durch den Kopf. So professionell wie er mich von beiden Seiten scharf anbriet – das konnte nicht von Ungefähr kommen.

Ich bewegte mich mit meinem Essen Richtung Tisch.

Plötzlich gab mein Fuß nach und ich rutschte über die Fliesen quer durch die Küche. Geistesgegenwärtig klammerte ich mich mit der rechten Hand am Türstock fest und fand das Gleichgewicht wieder. Der Inhalt der Schüssel schwappte gefährlich in meiner linken Hand.

Ich blickte zurück und erkannte eine schmierige Seifenspur, die meine unfreiwillige Kür nachzeichnete. Ich grollte vor mich hin.

Angespannt setzte ich mich an den Tisch und blickte mich um. Das Kind war nirgends zu sehen.

Eine Standpauke würde es später geben. Zunächst hatte die Nahrungsaufnahme Vorrang.

Denn ohne Frühstück bin ich unausstehlich, vor allem für mich selbst.

Ich führte den ersten Bissen zum Mund.

„Tuuut Tuut!“

Erschrocken ließ ich den Löffel fallen und kippte mit einer unglücklichen Bewegung die Müslischüssel um. Der Modellzug war soeben unter dem Esstisch hindurch gerattert, wo sich auch der Junge befand. Offenbar hatte er in seinem Gram auf die ausgefallene Schulstunde spontan die Gleisstruktur geändert.

Ich sah in Zeitlupe, wie die Milch sich über den Tisch verteilte und auf den Boden tropfte.

Resigniert stand ich auf und ließ den Kater herein, der die Sauerei gierig aufleckte.

Ich beobachtete das Tier. Taxierte seine rosa Zunge.

„Du bist ein guter Schüler“, brachte ich hervor.

Der Angesprochene funkelte mich für einen Moment misstrauisch an und fuhr dann voller Hingabe fort, den Boden zu lecken.

 

Derweil mahlte mein Kiefer mechanisch auf dem einzigen Bissen herum, der mir geblieben war.

Ein nahezu symbolischer Akt.

 

Das war´s, dachte ich.

Ich bin durch.

Ermattet stützte ich den Kopf in die Hände.

Aber eine unsichtbare Macht zog mich zurück in eine aufrechte Position.

Es war, als ob ich mich dabei selbst aus der Vogelperspektive betrachtete.

 

„Warum schaust du nicht mal, was der Nachbarsjunge macht?“, schlug ich vor.

In diesem Moment war ich erstaunt über mich selbst, da ich nicht willentlich gesprochen hatte.

Ein unterbewusstes Notfallprogramm hatte die Führung übernommen.

„Keine Lust“, nölte das Kind.

„Was ist mit deinem Freund vom Fußball?“, versuchte das Programm erneut.

„Nö.“

„Brettspiel?“

„Lahm.“

„Deutsches Museum?“

„Geeil!!“

Ich röchelte. Das Kind umklammerte meinen Hals in seiner blinden Euphorie und ich wusste nicht, wie mir geschah. Das hartnäckige Programm zog alle Register.

Es wollte nicht kapitulieren.

Und irgendwo in meinem Innersten dämmerte mir, dass dieser Schutzmechanismus meinem angeknacksten Ego diente.

Es würde einen weiteren fundamentalen Triumph des Sohnes nicht ohne Weiteres überstehen.

 

Eine Woche lang lief das Programm auf Hochtouren.

 

Wir erkundeten das Deutsche Museum, verirrten uns in einem Maislabyrinth, mieteten ein Ruderboot, erklommen eine Burgruine, besuchten das Schwimmbad, inszenierten eine Schatzsuche und endeten schließlich im Kino.

Am Ende eines jeden Ausfluges fragte ich beifällig: „Na, hat´s dir gefallen?“

Doch in Wahrheit lauerte ich. Die Anspannung hätte größer nicht sein können.

Meine Finger krallten sich ineinander, meine Pupillen verzogen sich zu katzenhaften Schlitzen und wer genau hinsah konnte feststellen, dass ich in den Sekunden, in denen ich begierig auf eine Antwort wartete, keinen Schatten warf.

 

„Ging so.“

„Ich hätte mir das größer vorgestellt.“

„Das Wasser war zu kalt.“

„Da war gar kein cooler Schatz dabei.“

„So toll wie in der Vorschau war der Film jetzt auch nicht.“

 

So lauteten die Aussagen, die mir dieses ungeheuerliche Balg am Ende jedes turbulenten Tages an den Kopf zu klatschen wagte.

Er ließ sich nicht leicht beeindrucken, soviel war klar. Das entfachte meinen Kampfgeist.

„Na warte du kleine Kröte“, grollte ich vor mich hin, als ich spät nachts das Netz nach neuen Attraktionen durchforstete. Mein Haar stand in alle Richtungen ab, meine Haut war teigig und ich hatte dunkle Augenringe. Wie ich so gekrümmt im bläulichen Schimmer des Monitors saß und wirr vor mich hin brabbelte, war ich einem gewissen Gollum nicht unähnlich.

Mein Geist wurde beherrscht von einem Gedanken: ich wollte gewinnen.

Um jeden Preis.

An dieser Stelle leistete das Programm ganze Arbeit.

Ich weiß nicht, wie ich diesen Marathon sonst durchgehalten hätte.

Ich habe nur eine Erklärung: ich hatte nahezu völlig aufgehört zu denken.

Mein Gehirn befand sich im Winterschlafmodus.

Alle lebenserhaltenden Maßnahmen führte das Programm durch.

Wie ein Roboter marschierte ich im Schlepptau des Kindes von einer Aktion zur nächsten.

Dabei wäre meine Erlösung so einfach gewesen.

Im Grunde wollte ich bloß eines: Der Sohn sollte meine Einfälle mit dem Prädikat „geil“ auszeichnen.

Bei der Vorstellung begann mein Ego zu sabbern.

Ich bettelte um die Bestätigung eines Achtjährigen.

Erbärmlich.

Doch der Wettkampf war bereits in vollem Gange. Es gab kein Zurück.

Und ich muss sagen: als Kontrahenten waren wir beide in Bestform.

Wir schenkten uns nichts.

Jeder Zentimeter Vorsprung wurde hart umkämpft.

So muss das sein! Ich bin stolz auf diesen Jungen.

Niemand sonst würde es wagen, sich derart mit mir anzulegen.

 

Ich fuhr härtere Geschütze auf.

 

Ich war mir sicher, der nächste Ausflug würde ihn knacken.

Doch im Nachhinein glaube ich, dass es umgekehrt war.

Das Kind hatte seine verchromten Nussknackerarme bereits in abwartender Haltung weit auseinandergespreizt. Als ich Ahnungslose mitten hinein tappte, schlug die Falle zu...

 

Siegessicher steuerte ich den Wagen in eine Bucht des Besucherparkplatzes.

Als ich die Autotür öffnete, vernahm ich eine Komposition aus monotonem Geratter und wildem Gekreische. Das war meine Gewinnermelodie.

 

Wir befanden uns im Skyline-Park.

 

Das Kind lief zur Höchstform auf. Nichts wurde ausgelassen.

Zu meinem Leidwesen waren nahezu alle Achterbahnen ab acht Jahren freigegeben – vorausgesetzt, ein Erwachsener fuhr mit.

Bei den abwechslungsreichen Fahrgeschäften wurden wir ordentlich durchgerüttelt.

Der Sohn jauchzte vor Freude und streckte übermütig die Hände in die Luft.

Hingegen krallte ich mich am Sicherheitsbügel fest und ging im Kopf mein Testament durch.

Was hatte ich mir bloß dabei gedacht?

Diese Frage konnte ich nicht beantworten, da das Programm wieder übernommen hatte.

Es gestatte mir nur noch ein paar spärliche eigenständige Gedanken.

Seltsamerweise war ich dafür sogar dankbar. Derart beschränkt lebt es sich nicht schlecht.

So hielt ich durch bis die Sonne sich gen Horizont neigte.

Wir bewegten uns Richtung Ausgang.

Das Gesicht des Kindes leuchtete mit dem Abendrot um die Wette.

Es wies keinerlei Anzeichen von Müdigkeit auf.

Ich war etwas lädiert.

Meine Haare standen ab, mein Gesicht war kalkweiß und meine Augen schielten nervös umher.

Hinzu kam, dass mir der letzte Looping einen Tremor beschert hatte. Wie ein gebrechliches Hutzelweiblein trippelte ich vor mich hin. Meine Füße konnte ich gar nicht mehr richtig heben.

Ich schrabbte einfach über die Pflastersteine, was ein unangenehm quietschendes Geräusch verursachte.

 

Die Menschenmenge teilte sich, um mich hindurchzulassen.

 

Gesichter sah ich nicht, nur Pflastersteine. Mein Rücken war buckelartig vornübergebeugt.

Das Kind interessierte sich nicht im Geringsten für seine alte Mutter.

Durch ein kurzes schmerzhaftes Kopfheben machte ich aus, dass es sich bereits am Ausgang befand und sich die Zeit damit vertrieb, Prospekte durchzuwühlen.

Oh dieser unverschämte Bengel, wenn ich den zu fassen kriege! Ich keifte vor mich hin.

Überrascht stellte ich fest, dass ich mit einem Stock in der Hand herumfuchtelte.

Das musste eine Idee des Programms gewesen sein, um die Hutzelweiblein-Vorstellung perfekt zu machen.

Immerhin: Ein besorgter Parkwächter bot mir seinen Arm an.

Offenbar war meine Darstellung authentisch. Dankbar hakte ich mich ein.

Eine gefühlte halbe Stunde später waren wir am Ausgang angekommen.

Ich bedankte mich bei dem Parkwächter mit den gekrächzten Worten: „Du bist ein guter Junge!“

Wenn ich das mal von meinem Kind behaupten könnte: Es war so vollgestopft mit allerlei Prospekten, das es einem Michelin-Männchen glich.

 

Ausnahmsweise ließ mich das kalt.

Ich kam nicht umhin, geheimnisvoll vor mich hin zu grinsen.

Bald wäre der Moment gekommen, in dem ich ihm die entscheidende Frage stellen würde.

Diesmal gäbe es kein gleichmütiges Pokerface. So tough könnte der Junge nicht sein.

Diese Gewissheit baute mich auf und versorgte mich wie eine Nährlösung mit neuer Energie.

 

Am Auto angekommen, war ich vollauf wiederhergestellt.

Es fühlte sich an, als ob eine dunkle Macht sich über mir zusammen braute und mir eine dämonische Kraft verlieh.

Ich wähnte mich kurz vor dem Ziel.

Meinem Mund entkam ein skuriller Laut – ähnlich dem Balzen eines Auerhahns.

Ich rieb mir die Hände.

Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass mich die Leute auf dem Parkplatz anstarrten.

Beziehungsweise starrten sie dorthin, wo eigentlich mein Schatten sein sollte.

Schnell sprang ich ins Auto.

 

 

Hier  geht´s zu Teil 2

 

 

 

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