Schamlos

 

Kinder besitzen kein Schamgefühl.

Das wird ihnen erst von den Erwachsenen mühevoll anerzogen. Für Alleinerziehende gilt dieser Plural meist nicht.

Wieder hing da so ein Thema an mir, das mich mit der alleinigen Verantwortung überforderte.

Ich stellte fest, dass gute Vorsätze nicht alles sind - und entschied mich für den Joker...


Da ich aus meinem Elternhaus ein übertriebenes Schamgefühl mitbekam und folglich in meiner Jugend irre verklemmt war, wollte ich es bei meinem Sohn besser machen. Bis zum Schuleintritt tauchte das Thema Scham in unserem Alltag überhaupt nicht auf.

Der Junge liebte es, sowohl drinnen als auch außerhalb des Hauses splitternackt herumzulaufen.

Wenn ihn das spontane Bedürfnis überkam, pinkelte er wie ein Hund am Wegesrand. Bislang störte mich das wenig.

Wir leben schließlich auf dem Land, wo Kuhfladen allgegenwärtig sind. Dagegen wirkt ein bisschen Kinderpisse wie Peanuts.

Demzufolge gab es für mein Empfinden keinen Grund, den Jungen in seiner freizügigen Tätigkeit zu bremsen.

Was rein muss, will auch irgendwo wieder raus. In einer aufgeklärten Gesellschaft eigentlich kein Grund zur Aufregung.
Ich blieb cool. Bis die Pinkelexperimente starteten.
Es begann recht harmlos mit kleinen Hügeln, Schutthaufen und klobigen Steinen.

Doch das reichte dem ehrgeizigen Kind bald nicht mehr. Wenige Wochen später stand der Bengel in bester Männeken-Piss-Manier auf der Kichenmauer und ließ es unter dem schockierten Blick des Pastors herabplätschern.

Mein Glück war, dass ich einen vorausschauenden Sicherheitsabstand wahrte, sodass der Junge nicht eindeutig als mir zugehörig identifiziert werden konnte. Als er beim Zuknöpfen der Hose laut „Mama!“ rief, stocherte ich unbeteiligt im Gebüsch herum, auf der Suche nach einem fiktiven Haustier.

Als wir jedoch außer Sichtweite waren, gab es eine Standpauke.

Keine Enthüllungen mehr vor Gotteshäusern, das hatte er mir bei Spongebob geschworen.

Er hielt sich an das Versprechen und wir kamen mit gelegentlichen Freipinkelaktionen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ganz gut durch.

Bis zu besagtem Tag.


Sommer, Sonne, Sonnenschein: Das hatte ich im Kopf, als ich mich aufmachte, den Sohn von der Schule abzuholen.

Es war der letzte Tag vor den Pfingstferien und die Eltern standen erwartungsvoll im Halbkreis, um ihre Zöglinge zu empfangen.

Die kleinen Wirbelwinde strömten aus der Tür heraus, die zu einer kleinen Terrasse führte.

Von dort aus nahmen sie die Stufen hinunter in den Hof, wo sie sehnsüchtig empfangen wurden.

Da ich nicht zu den Eltern gehöre, die ihre Kinder vor lauter Wiedersehensfreude auf den Mund küssen oder sie euphorisch durch die Luft wirbeln, hielt ich mich bei dem Schauspiel bedeckt im Hintergrund.
Überrascht stellte ich fest, dass mein Sohn als einer der Ersten zur Tür herausgeschossen kam.

Ich ging ein paar freudige Schritte auf den Hof zu, erstarrte allerdings in der Bewegung.

Im Gegensatz zu den anderen Schülern lief mein Sohn nicht die Treppe hinunter den Eltern entgegen, sondern blieb dummdreist vor dem Eingang stehen, aus dem immer noch Kinder strömten. Die mussten sich zwangsläufig an ihm vorbeiquetschen.

Das ließ ihn völlig kalt. Noch nie zuvor ist mir ein Lebewesen mit solch meisterhafter Ignoranz begegnet.

Wenn es nicht mein eigen Fleisch und Blut wäre, könnte ich glatt stolz drauf sein.

Majestätisch stand er da wie ein kleiner Napoleon und blickte selbstgefällig auf das Fußvolk herab.

Der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ mich Fürchterliches ahnen. Nun geschah alles wie in Zeitlupe.

Mit unbewegter Miene ließ er seinen Schulranzen herunterfallen, sodass ein Kind darüber stolperte und wie durch ein Wunder unverletzt die Stufen hinab taumelte - aufgefangen von einer schreckensblassen Mutter.

Ich hielt mir die Hand vor Augen und linste vorsichtig durch den Spalt zwischen meinen Fingern hindurch.

Wenn ich da jetzt hinging und ihn zur Rede stellte, wäre ich den Blicken der Eltern schonungslos ausgesetzt.

Die tuschelten ohnehin schon über die dreiste Darstellung meines Kindes.

Mein Vorteil war, dass mich die meisten zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal kannten, weil ich keine ausgeprägten Sozialkontakte pflegte und mich aus schulischen Aktivitäten so weit wie möglich herausgehalten hatte.

Da zog ich stets meinen Alleinerziehenden-Joker: Wandertag begleiten? Sorry, alleinerziehend!

Kuchen backen für´ s Schulfest? Alleinerziehend und krank!

Mithilfe beim Obsttag? Alleinerziehend und selbständig!

Tja, so lief das und ich genoss dadurch eine relative Unbekanntheit, die allerdings nicht mehr lange währen sollte.
Die Frau neben mir schüttelte in Anbetracht der exhibitionistischen Vorstellung meines Sohnes den Kopf und wandte sich an mich mit den Worten: „Na wer hat DEM denn Manieren beigebracht. Wenn ich die Mutter wäre, könnte der was erleben...“
Ich nahm peinlich berührt die Hand von den Augen und pflichtete ihr bei.

Bevor ich mein Alibi weiter festigen konnte, indem ich zu einem Vortrag über die Mythen moderner Kindererziehung ausholte, tat mein Kind das Unsagbare: Es ließ lässig die Hosen runter, genoss für einige Sekunden seine Nacktheit auf dem Präsentierteller und machte sich daran, von der Terrasse auf´ s Volk herunterzupinkeln.
Da gab es für mich kein Halten mehr.

Heldenhaft zwängte ich mich zwischen den Elternreihen hindurch nach vorne und stellte den kleinen Nudisten zur Rede.

Ich hörte, wie die Frau mit den Manieren einen spitzen Schrei ausstieß.

Ja, ganz recht, der gehört zu mir!

Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber es ist so. Nun hatte ich mich öffentlich bekannt.
„Geh gefälligst in die Büsche zum Pinkeln!“, schrie ich verzweifelt.
Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn noch aufhalten konnte. Wenn es einmal lief, dann lief es.

Und das galt es mit aller Macht zu verhindern.
Der Knirps griff fachmännisch an seinen kleinen Pimmel, zog eine Augenbraue hoch und entgegnete frech: „Warum?“
Da setzte ich meinen bösen Blick ein, der ausschließlich in kritischen Ausnahmefällen zum Einsatz kommt.

Dann, wenn mir vor Wut die Stimme versagt. Das zog.
Mit heruntergelassenen Hosen spurtete mein Sohn die Treppe hinab und suchte sich ein mickriges Bäumchen direkt neben der entsetzten Elternbrigade aus, um sein Revier zu markieren.

Dafür erntete ich Blicke, die von Mitleid bis Entrüstung einige Emotionen im Repertoire hatten.
Resigniert stapfte ich die Treppe hoch, sammelte den Schulranzen ein und wenig später auch das Kind, das meinem Ärger nicht die geringste Spur von Verständnis entgegenbrachte.

Meine gute Laune war dahin.

Sommer, Sonne und Sonnenschein waren einem harnsäurehaltigen Plätscherbach gewichen.

An diesem Abend kam ich zu dem Entschluss, dass man Scham nicht grundsätzlich verteufeln sollte.

Ein gesundes Maß ist durchaus angebracht. Nicht dem Kind zuliebe, sondern der Gesellschaft.

Doch wie sollte ich das anstellen?

Ich wälzte mich unruhig im Bett heurm. Als ich endlich einschlief, träumte ich von meinem erwachsenen Sohn, der vor den Augen seines Chefs mit einer selbstverständlichen Geste die Hosen runterließ und dessen Bonsai-Bäumchen mit Naturdünger begoss.

Ich sah ihn in einer Schlange vor dem Kino mit seiner Freundin stehen, die beschämt das Gesicht abwandte, als er sich direkt neben den Wartenden an der Hausfassade entleerte.

Schweißgebadet wachte ich auf.

Am nächsten Tag hatte ich wieder einen klaren Kopf.

Ich würde ihn dazu animieren, die Toilette zu benutzen. Sozusagen Töpfchentraining reloaded.

Mehr konnte ich nicht tun. Die Zeit verging ja schnell und den Rest würde die Pubertät erledigen.

Ich weiß, das klingt jetzt wieder so, als ob ich wichtige Erziehungsfgragen anderen überlasse - in dem Fall einer hormonellen Phase, die noch nicht einmal wirklich greifbar ist. Doch ich habe einen Joker: Alleinerziehend!

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Katja (Dienstag, 23 Mai 2017 16:26)

    Was hab ich wieder gelacht... dir gehen die Geschichten nicht aus :-))))

  • #2

    Muttersprach (Mittwoch, 24 Mai 2017 11:15)

    Hallo Katja!

    Es freut mich, wenn die Beiträge andere zum Lachen bringen.
    Das ist tatsächlich genauso passiert.
    Ich wäre am liebsten im Boden versunken.
    So wies ausschaut wird mir der Erzählstoff sicher nicht ausgehen.
    Hab noch Einiges in Petto. Man darf gespannt sein...

  • #3

    Julie (Donnerstag, 25 Mai 2017 16:54)

    Wenn ich dringend eine Aufmunterung gebrauchen kann, besuche ich deine seite.
    Wieder einen neuen Artikel gefunden, der mich aus meinem Tief rauskatapultiert hat. Das hilft mir, mein Leben nicht so ernst zu nehmen, falls es mal nicht so läuft wie ich es mir vorstelle. LG, Julie

  • #4

    Heike Oswald (Sonntag, 28 Mai 2017 10:59)

    Der Blog (oder sagt man das Blog??) ist wirklich Gold wert! Das Chaos, die Wutanfälle, die peinlichen Situationen sind so echt geschildert. Einfach liebenswürdig! Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen, so fesselnd fand ich die Geschichten! Bin gespannt auf mehr!
    Beste Grüße, Heike

  • #5

    Muttersprach (Sonntag, 28 Mai 2017 12:47)

    Servus Julie und danke für die Rückmeldung! Das ist immer schön zu hören.

    Heike: du darfst definitiv auf mehr gespannt sein!