Pferdesex im Kreisverkehr

Bild: Copyright Constanze Wilz

 

 

Warum ist der Himmel blau, warum ist die Sonne gelb, warum können Vögel fliegen?

Von dieser nicht enden wollenden Fragestunde können Eltern ein Lied singen.

Sobald ihr sprachliches Repertoire ein gewisses Ausmaß angenommen hat, sind die wissbegierigen Nachkömmlinge nicht mehr zu bremsen.

 

Nun wird nicht mehr angegrapscht und in den Mund genommen, sondern rhetorisch erkundet.


Mein Sohn war darin besonders gut.

Sein endloser Redeschwall trieb mich zeitweise in den Wahnsinn.

Darüber hinaus kam ich mir manchmal ziemlich dumm vor, weil ich seine Fragen nicht beantworten konnte.

So kam es, dass ich zu später Stunde oft noch am Rechner saß, um neunmalkluge Antworten auf seine neunmalklugen Fragen zu googeln.

Dabei stieß ich auf eine Kinderuniversität, im CD-Format, die eine große Themenauswahl bietet.

Das war meine Rettung.

Von nun an liefen die CDs auf und ab, den lieben langen Tag.

Vor dem Kindergarten, nach dem Kindergarten, beim Zähneputzen und im Auto.

Dort befanden wir uns, als sich ein unerwartetes Gespräch ereignete, auf das ich in keinster Weise vorbereitet war.

 

Wir waren auf dem Gestüt von Bekannten zu Besuch gewesen, die uns ihre Fohlen gezeigt hatten.

Es war ein strahlend schöner Tag und auf dem Weg nach Hause schlängelte ich mich durch die verkehrsreichen Straßen. Dazu dröhnte eine Geschichte der Kinderuniversität über nackte Statuen. Plötzlich schaltete mein Sohn mit ernsthafter Miene das Radio aus und blickte mich nachdenklich an.


„Ich will auch ein Baby-Pferd haben“, teilte er mir mit.
Ich räusperte mich und erklärte ihm, dass wir bereits ein Pferd hätten, das schon genug an Geld und Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
„Ich will aber eines für mich, ein Kleines“, nölte mein Sohn.
„Ich kaufe kein Baby-Pferd. Wenn, dann müsste unsere Luna eines bekommen“, erwiderte ich und versuchte, meine Konzentration wieder auf den Verkehr zu lenken.

Doch das Kind kam jetzt erst richtig in Fahrt.
„Dann soll die Luna ein Baby bekommen.“
„Das geht nicht so leicht. Dazu brauchen wir einen Hengst.“
„Warum?“


Oh nein, wir werden doch jetzt nicht mitten im Kreisverkehr ein Aufklärungsgespräch beginnen?

 

„Warum brauchen wir einen Hengst?“, quäkte es beharrlich vom Beifahrersitz.
„Weil der seinen Samen in die Luna geben muss, damit ein Baby entsteht.“
„Wie macht er das?“
Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Vor meinem geistigen Auge begatteten sich ungestüme Pferde.

Ich versuchte, dieses Bild in kindgerechte Worte zu verpacken, und nahm die dritte Abfahrt im Kreisverkehr.
„Nun ja, er besteigt sie von hinten und... schießt seinen Samen in sie hinein“, brachte ich holpernd zustande.
„Wie kommt er denn auf sie drauf?“
„Er stellt sich auf die Hinterbeine, beißt sich mit den Zähnen in ihrer Mähne fest und steckt seinen Penis in sie hinein.“
Puuh, nun war es ausgesprochen. Hinter mir hupte jemand ungeduldig.

 

Am liebsten hätte ich das Kind gepackt und es durch sein offenes Fenster ins Auto geschoben.

 

Sollte der das doch machen.
 „Was ist ein Penis?“, fragte der Junge mit derart aufrichtigem Interesse, dass es mir die Schamesröte ins Gesicht trieb.
Hatte ich ihm diese Grundbegriffe nie beigebracht?

Ich hatte mir doch fest vorgenommen, nicht so rückständig und verklemmt über solche Dinge zu reden, wie ich es von meinem Elternhaus kannte.

Angestrengt dachte ich nach.

Irgendwie waren wir bei verniedlichten Begriffen wie Schniedel, Pimmel und Pillermann hängen geblieben.

Ich scholt mich innerlich dafür und nahm den Faden wieder auf.

„Dasselbe was du zwischen den Beinen hast. Nur ist das beim Hengst viel größer.“
Gleichzeitig bog ich scharf nach links ab. Beinahe hätte ich die Abfahrt verpasst.

Dem kleinen Racker machte die wilde Fahrt nichts aus.

 

Unbeirrt bohrte er weiter: „Kommt aus dem Hengstpenis der Samen?“
„Ja.“
„Was macht der Samen?“
„Der legt einen weiten Weg zurück, macht es sich in Lunas Eizelle gemütlich und wird schließlich zum Babypferd.“
„Und wie kriegt er den Samen so weit in die Luna rein?“


Meine Güte, hört das denn nie auf, dachte ich.

 

Doch ich wollte eine gute Mutter sein und dazu musste ich meinen pädagogischen Auftrag erfüllen. Lieber hätte ich von Bienchen und Blümchen geredet.

Doch den Zug hatte ich verpasst.
„Der Samen kommt sehr schnell aus dem Penis rausgeschossen“, entgegnete ich nervös, „doch jetzt lass mich um Himmels Willen in Ruhe Auto fahren. Wenn du so alt bis wie ich, kannst du dir so viele Pferde kaufen, wie du willst. Ich erkläre dir alles ausführlich Zuhause.“


Das war natürlich gelogen.

Insgeheim hoffte ich, er würde die Angelegenheit mit dem Pferdesex bis dahin vergessen haben.

Stumm fuhren wir weiter.

Mein Appell hatte Wirkung gezeigt.

Das Kind schien endlich zufrieden zu sein und blickte verträumt aus dem Fenster.

Ich seufzte erleichtert.

Damit geriet das unliebsame Thema in Vergessenheit.

Wenige Tage später fand in der Grundschule meines Sohnes ein Gemüsefrühstück statt, zu dem auch die Eltern eingeladen waren. Nachdem alle gegessen hatten, spielten die Kinder vergnügt und die Erwachsenen konnten sich in Ruhe unterhalten.
Plötzlich kam mein Sohn mit seinem Freund im Schlepptau auf mich zu.

 

Der bohrende Blick meines Kindes bereitete mir Unbehagen.

 

Während die zwei zielstrebig auf mich zusteuerten, entwickelte sich ihre Unterhaltung zu einer hitzigen Debatte.

Den Wortfetzen nach zu urteilen, schien es um Haustiere zu gehen.

Bevor der Streit eskalieren konnte, ging die beherzte Lehrerin dazwischen.

Die Gespräche verstummten und alle Augen richteten sich auf die Lehrerin.

 

Sie stand ruhig inmitten der beiden Streithähne, die sich mit hochroten Köpfen anvisierten.
„So und jetzt erzählt mal, was eigentlich los ist“, säuselte die Pädagogin.
„Der Flori will mir einfach nicht glauben“, krähte mein Sohn den Tränen nahe.
„Was will er dir nicht glauben?“
„Das mit den Pferdebabys.“


In dem Augenblick wich mir sämtliche Farbe aus dem Gesicht.
„Was ist denn mit den Pferdebabys?“, wollte die besorgte Lehrerin wissen.
Ich verfluchte sie für diese Frage.

Mein panischer Blick glitt zu den Fenstern, die leider allesamt verschlossen waren.

Der Weg zur Tür war von Eltern versperrt.

Ich bekreuzigte mich innerlich.


„Meine Mama hat gesagt, wenn ich ein Pferdebaby haben will, muss der Hengst auf die Luna springen und den Samen aus seinem großen Penis in sie hineinballern wie eine Kanonenkugel!“
Die letzten Worte schrie mein euphorisches Kind wild gestikulierend heraus, als ob die ganze Welt davon mitbekommen sollte.

 

Da sieht man einmal, wie weit die Realitäten von Erwachsenen und Kindern auseinanderliegen.

Die Lehrerin musterte mich schockiert.

Eine Mutter hielt ihrer Tochter beschützende die Hände über die Ohren.

Ein zierlicher Junge stand mit bebenden Lippen daneben.

Durchgefallen.

Setzen, Sechs, dachte ich beschämt.

Ich wagte gar nicht erst, in die Augen der Eltern zu sehen.

Ihre verurteilenden Blicke spürte ich auf mir wie Dolchspitzen.
Mein Mund klappt ein paarmal auf und zu.

Dann nahm ich mein Kind an die Hand und verließ unter einem fadenscheinigen Vorwand das Schulhaus. Niemand hielt uns auf.

 

Wir gingen schnurstracks in die nächste Buchhandlung, wo ich ein Pferdelexikon sowie ein Aufklärungsbuch für Kinder erstand.

Letzteres gingen wir in den nächsten Tagen gefühlte 1000 Mal in allen Einzelheiten durch.

So detailliert hatte selbst ich das nie beigebracht bekommen.

 

Von nun an posaunte mein Kind sein neu erworbenes Wissen rund um die menschliche und pferdische Sexualität jedem ungefragt entgegen.

 

Auch wenn das Ganze eher suboptimal verlief, hatte die Sache zumindest ein Gutes:

Jetzt waren wir alle aufgeklärt.

 

 

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Kommentare: 12
  • #1

    Rabenmutter (Montag, 24 April 2017 17:10)

    Hola, das ist ne harte Nummer!
    Über Aufklärung hab ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Werde mich mal damit auseinandersetzen, sonst erwischt es mich am Ende auch noch so kalt.
    Aber der letzte Satz fasst es perfekt zusammen: jetzt sind wenigstens alle aufgeklärt :-))

  • #2

    Godsavethequeen (Montag, 24 April 2017 17:33)

    Brüller!

  • #3

    Esther (Montag, 24 April 2017 18:20)

    Hihihi, ich lach mich kaputt!!!
    Kann mir das bildlich vorstellen, wie du das plappernde Kind durch das Autofenster zu dem hupenden Fahrer schiebst. Das sind Momente, da will man die Kids am liebsten gegen die Wand klatschen. Doch du hast das mit Bravour gemeistert, würd ich sagen! Echt cool!
    VG Esther

  • #4

    Katja (Montag, 24 April 2017 20:41)

    Yay, nach langer Wartezeit wieder ne neue Geschichte!
    Da scheint sich die Pubertät anzubahnen. Wie alt ist dein Sohn jetzt?
    Hast du das Bild diesmal selber gemacht, der kreisverkehr kommt mir sehr bekannt vor. Wir haben auch so nen Spielzeugteppich Zuhause. Ist der absolute Renner.

  • #5

    Muttersprach (Montag, 24 April 2017 21:35)

    Danke ihr Lieben!
    Sorry nochmal für meine Blogger-Unregelmäßigkeit. Hab mir zwar vorgenommen, jede Woche nen neuen Beitrag zu veröffentlichen, doch das Kind macht da öfter mal einen Strich durch die Rechnung.
    @Katja: Der Sohnemann ist letzte Woche acht geworden und zeigt schon deutlich an, dass da sowas wie Pubertät unterwegs ist (ich mag das Wort nicht, habe aber noch kein besseres erfunden)
    ja, das Foto ist selbst geschossen und wie du schon richtig vermutest auf einem gewissen Teppich entstanden, der wahrscheinlich in jedem dritten Kinderzimmer liegt :-P

  • #6

    Yvy (Dienstag, 25 April 2017 18:05)

    Wow, der Blog ist wirklich gut gelungen.
    Ich finde es sehr schön, dass du dich selbst nicht so ernst nimmst. Seit ich Mutter bin habe ich das Gefühl all,es ist furchtbar ernst geworden und manche Mamis zerfleischen sich ja geradezu gegenseitig und wollen sich ausstechen.
    Deine lässige Art gefällt mir.
    LG Yvy

  • #7

    Muttersprach (Dienstag, 25 April 2017 21:49)

    Hallo Yvy,
    danke für die Rückmeldung!
    Das ist genau die Intention des Blogs: dass man humorvoll mit seinen Macken umgeht und die Katastrophen des Alltags augenzwinkernd betrachtet.
    Ist zugleich eine Ansage an den Konkurrenzkampf mancher Mütter, den du auch zu kennen scheinst. Ich denke, wir Muddis sitzen nun mal alle in denselbem Boot.
    Damit das nicht untergeht, ist Zusammenhalt statt Feindseligkeit gefragt.

  • #8

    Silke (Mittwoch, 26 April 2017 11:42)

    Der ist echt gut!
    Ich musste so lachen, dass mein Mann besorgt ins Zimmer kam um nach dem Rechten zu sehen. Er hat den Beitrag dann auch gelesen und wir haben uns beide köstlich amüsiert! VG Silke

  • #9

    Julie (Mittwoch, 26 April 2017 14:18)

    Mal wieder ganz große Klasse!
    Mich wundert, dass du nicht schon mehr Leute erreicht hast mit dem Blog. Stellst du dich in Foren und fb-Gruppen vor? Ich glaube, das würde die Sache ganz schön ankurbeln.
    Dein Blog hat großes Potential!

  • #10

    Ann- Katrin Klemme (Dienstag, 02 Mai 2017 22:33)

    ��Also die Spielzeugpferde haben wir schon hier! Fehlt nur noch der Teppich...
    Ich schmeiß mich weg. Kann mir die entsetzten Gesichter der Eltern vorstellen.
    Ich glaub ich haet laut losgelacht wenn ich dabei gewesen waer.
    Mach weiter so!

  • #11

    Charlotte von Mensch Frau (Mittwoch, 03 Mai 2017 10:27)

    Hihihi, die Situation im Klassenzimmer stelle ich mir tatsächlich sehr unangenehm vor. Aber schade eigentlich, dass wir den Kindern das nicht alles ohne Scham erzählen können. Mir auch schon oft aufgefallen, dass es vielen schwerfällt, Scheide und Penis zu sagen. Daher empfehle ich dieses Video: https://youtu.be/W35-rSxIpIw
    :-)

  • #12

    Muttersprach (Sonntag, 07 Mai 2017 10:28)

    Danke dir, Charlotte!

    Diese konditionierte Scham ist tatsächlich sehr tief verwurzelt und ich persönlich finde es gar nicht so leicht, das abzulegen, weil es unbewusst funktioniert.

    Das Video finde ich übrigens ansprechend und witzig zugleich. Du kommst sehr sympathisch und auch authentisch rüber!