Der Tiefseeschwamm, The Rock und das Sieb

Bild: Fotolia ©Aintschie 



Wenn man alleinerziehend ist, birgt das gewisse Vorteile.

Aber eben auch Nachteile.

 

Ein großer Nachteil ist, dass ich handwerklich so geschickt bin wie ein Parkinsonkranker.

 

Es will mir einfach nichts gelingen.

Mittlerweile habe ich sämtliche Reparaturversuche aufgegeben, da sie nur Frust erzeugen.

Folglich ist in unserer Wohnung immer mindestens eine Baustelle vorhanden.

Manchmal auch mehrere gleichzeitig.

Die werden Peu á Peu und dem vorherrschenden Budget entsprechend beseitigt.

Teilweise bin ich da etwas nutznießerisch eingestellt.

Sobald sich männlicher Besuch in meinen vier Wänden aufhält, erkundige ich mich durch geschickten Smalltalk über dessen handwerklichen Kenntnisse.

Wenn dieser Test positiv verläuft, mache ich dezent auf eine der aktuellen Baustellen aufmerksam, die dann im Optimalfall auch beseitigt wird.

Leider funktioniert das nicht immer und man ist mitunter auf professionelle Hilfe angewiesen.

 

So geschehen bei meinem Geschirrspüler, der nicht mehr ordentlich spülte.

Ich bestellte einen Handwerker.
Der gute Mann sah aus wie der große Bruder von „The Rock“: 1,90 Meter groß, glatzköpfig und geschätzte 180 Kilo schwer, passte er mit seinem breiten Stiernacken gerade so durch die Tür.

 

Als ich ihn hereinbat, gefror mein Lächeln.

 

Ich fragte mich, warum so ein Tier im Reparaturservice arbeitete.

Der wäre als Türsteher weitaus besser aufgehoben gewesen. Oder bei den Hell´s Angels.
Konnte der mit seinen klobigen Pranken überhaupt solch filigrane Arbeiten erledigen?, schoss es mir durch den Kopf. Doch meine Bedenken hatten keine Zeit, sich zu manifestieren.

Der Handwerker wusste offenbar sofort, was zu tun war, und machte sich trotz der beengten Situation in meiner Küche gut gelaunt ans Werk. Offenbar wollte er der Ursache des Problems auf den Grund gehen.

Nachdem er technische Defekte ausgeschlossen hatte, stemmte er die Hände in die Hüften, wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete mit nicht mehr ganz so rosiger Laune meinen Geschirrspüler. Dann griff er entschlossen zum Schraubenzieher und begann, das Sieb auseinanderzunehmen. Dazu musste er sich sehr klein machen, was irgendwie komisch aussah.

Das Kichern blieb mir allerdings im Hals stecken, als er seine Ärmel aufrollte und die pochenden Adern auf seiner tätowierten Haut zum Vorschein kamen.

Angestrengt versuchte ich, einen Blick auf das Geschehen da unten zu erhaschen.

Doch der Stiernacken versperrte mir die Sicht.

Also wartete ich ab.
Nachdem The Rock aus der Versenkung wieder aufgetaucht war, lag ein angewiderter Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Haben Sie Ihr Sieb jemals gereinigt, wie es in der Anleitung steht?“, presste er hervor.
Ich dachte nach. Mit Anleitungen hab ich es überhaupt nicht.

Mir fiel ein, dass ich sie einmal kurz durchgeblättert hatte.

Mehr aber auch nicht.

Geknickt schüttelte ich den Kopf und versuchte, meine Verlegenheit mit einem Grinsen zu überdecken.
Seufzend bückte sich der massige Typ noch einmal und fischte das Ding, das wohl ein Sieb sein sollte, heraus.

 

Der beißende Gestank sorgte dafür, dass wir beide die Nase rümpften.

 

Zähe, schleimig-gelbe Fäden hingen von dem Teil herab, das mit einem bunten Schimmelmuster gesprenkelt war. Wenn man nicht wusste, um was es sich handelte, hätte man es für eine besondere Art von Tiefseeschwamm halten mögen.
Die Tatsache, dass ich in Anbetracht des vergammelten Undings immer noch regungslos dastand, nahm der gute Mann zum Anlass, sich eigenhändig um das Problem zu kümmern.

Mit einer dramatischen Geste zog er sich meine rosafarbenen Gummihandschuhe über, mischte sämtliche in Reichweite stehenden Putzmittel zu einer blubbernden Schaumwolke zusammen, und begann mit der Säuberungsaktion.
Die aufsteigendem Dämpfe ließen mich aus meiner Starre erwachen.

 

Ich öffnete das Fenster und war peinlich berührt: In meiner Küche stand ein Handwerker mit dem Exterieur einer Bulldogge und erklärte mir unter quietschenden Putzgeräuschen, wie man ein Geschirrspülersieb richtig reinigt. Ich fühlte mich wie der absolute Versager.

Wahrscheinlich wollte der reinliche Hüne das Saubermachen selbst erledigen, weil er mir das nicht zutraute.
„Wenn Sie das einmal in der Woche mit Fettlöser reinigen, reicht das völlig aus“, tönte es aus der immer größer werdenden Schaumblase. „Der jetzige Zustand des Siebs ist nämlich sehr unhygienisch, weil sich bei jedem Spülgang der Schimmel in der Maschine verteilt.“
Ja ist gut, dachte ich. Mach mich nur fertig mit deinen Hauswirtschaftsbelehrungen.

 

Der hielt mich nicht nur für eine schlechte Hausfrau, sondern bestimmt auch für eine Rabenmutter.

 

Eine, die ihre Kinder mit kontaminiertem Sporengeschirr vergiftet, weil sie zu faul oder zu blöd ist, eine simple Anleitung richtig zu lesen.

Dabei muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass dies mein erster Geschirrspüler war.

Seit meiner Kindheit schrubbte ich mir beim Abspülen die Hände runzlig.

Als dann endlich nach zwanzig Jahren dieses elektronische Wunderding in meiner Küche Einzug hielt und meine händische Spültätigkeitnahezu vollends ablöste, machte ich mir vor lauter Entzücken keine Gedanken mehr über etwaige Pflege.

Ich schaltete das Ding einfach an und es lief. Ich dachte, das macht alles selber.

Offensichtlich ein Trugschluss.

Hinterher ist man immer schlauer.


„Mama, wo bist du?!“
Das schrillende Kind riss mich aus meinen Gedanken.

Es war gerade vom Spielen hereingekommen und hatte sich im Schaum verirrt, der inzwischen bis zum Flur waberte.
„Hier bin ich, der Handwerker ist wegen dem Geschirrspüler da“, gab ich zur Antwort.
Wie auf´ s Stichwort zog The Rock den Stöpsel der Spüle und damit verschwand auch allmählich der Schaum im Ausguss.

Mein Sohn kam auf den nassen Fliesen herangerutscht und musterte den überdimensionierten Handwerker, der leidenschaftlich unseren Haushalt schmiss, mit unverhohlenem Erstaunen.

Da gelangte der Hüne auch schon zum Höhepunkt der Show: Seine behandschuhten Hände hielten das glänzende Sieb in die Höhe, das mit seinem Gesicht um die Wette strahlte.

Eine beinahe triumphale Stimmung, wenn sie nicht von den pulsierenden Adern, Tattoos und krausen Häarchen jenseits der pinkfarbenen Handschuhgrenze in Lachhafte verzerrt worden wäre.

 

Meine Hände klatschten tonlos Beifall. Ich war völlig verstört.


Da wendete sich der Muskelprotz mit einem Augenzwinkern an meinen Sohn: „Ich habe eine Aufgabe für dich. Du erinnerst deine Mama einmal in der Woche daran, das Geschirrspülersieb sauber zu machen, okay?“
Das Kind nickte eifrig.
Dieser Mann hatte mich soeben vor meinem Sohn lächerlich gemacht und meine nicht vorhandene hausfräuliche Vorbildfunktion mit Putzmitteln weggeätzt.

 

Das konnte ich so nicht stehen lassen.

Ein passender Abgang musste her, der meine offenkundige Unfähigkeit etwas abmilderte, ohne dass es so wirkte, als würde ich mich erklären wollen.

Ein schwieriges Unterfangen. Ich biss mir auf die Lippe.
Unterdessen kniete das Ungetüm wieder am Boden, um seine Arbeit fertigzustellen.

Die Rechnung hatte er ohne mein Kind gemacht, das berüchtigt ist für sein ehrliches Interesse an der Umwelt.
„Was machst du da?“, fragte mein Sohn.
Ich ahnte bereits den harmlosen Beginn einer Fragen-Odyssee.

Wenn man der entkommen wollte, musste man sich die Ohren mit Wachs zustopfen, sich an einen Schiffsmast binden und in den nächsten Abgrund segeln.

Doch das wusste The Rock vermutlich nicht.
Als Antwort gab der gutmütige Kerl ein Grunzen, das von den Wänden des Geschirrspülers merkwürdig hallte.

Damit gab sich das Kind natürlich nicht zufrieden und setzte zur nächsten Frage an.

Mit einem wissenden Lächeln verließ ich die Küche.

 

Das war meine kleine Rache. Zehn Minuten alleine mit meinem Kind auf beengtem Raum.

 

Ich lachte heiser und nahm im Liegestuhl auf der Terrasse Platz. Selig döste ich ein.

So ein Kurzschläfchen ist Gold wert.
„Mama, der Mann in der Küche schwitzt so komisch.“
Im Nu befand ich mich wieder in der Realität.

Meine Gedanken checkten im Sekundenbruchteil die Lage.

Wenn das Kind hier neben mir stand, musste etwas passiert sein.

Ich hechtete in die Küche und sah den Handwerker in einer optisch schmerzhaften Position am Boden knien.

Als er mich wahrnahm, entkam seiner Kehle ein geplagtes Stöhnen.

Mein hilfsbereites Kind wedelte mit dem Schraubenzieher neben seinen Ohren herum und meinte: „Brauchst du vielleicht den hier?“

Als Antwort kam erneutes Stöhnen.

Der arme Mann hatte offenbar einen Hexenschuss.

Meiner Vermutung nach bei dem gut gemeinten Versuch zugezogen, dem wissbegierigen Bengel etwas an dem Gerät zu demonstrieren.


Ich rief den Krankenwagen.

 

Derweil löcherte das Kind mit einem fachkundigen Blick auf den rot angelaufenen Schädel des Handwerkers: „Warum schwitzt der so?“
„Er hat Schmerzen“, gab ich schuldbewusst zurück.

Wie lange hatte ich die beiden alleine gelassen?
„Mama, der atmet auch ganz schnell“, krähte mein anstandsloser Sohn direkt am Ohr des bemitleidenswerten Mannes vorbei.
„Du würdest auch so hecheln, wenn du eingeklemmt wärst. Und jetzt ist Schluss mit der Fragerei, geh Spielen!“
Als wenig später der Rettungsassistent eintraf, bedachte er mich mit einem vielsagenden Blick.

 

Es brauchte eine geschlagene halbe Stunde sowie eine Elefantendosis Schmerzmittel, um The Rock zu verladen. Zaghaft winkte ich dem Wagen hinterher.
Nach diesem Vorfall hörte ich nichts mehr von der Handwerkerfirma.

Noch nicht einmal eine Rechnung wurde mir gestellt.

 

Trotzdem hat der Besuch Spuren hinterlassen.

 

Oder besser gesagt, ein Ritual:  Einmal in der Woche setze ich mein bestes Hausfrauengesicht auf, ziehe bedächtig die rosa Gummihandschuhe über und schrubbe das Geschirrspülersieb, bis die Schaumwölkchen meiner wabernden Putzmittelblase durch die ganze Wohnung fliegen.

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Katja (Donnerstag, 20 April 2017 23:08)

    Recht spät gelesen, als Erste kommentiert: da hast du mal wieder eine wunderprächtige Story zusammen geschustert, liebe Conny! Davon hab ich jetzt ganz komische Bilder im Kopf von einem Wrestler in rosa Handschuhen ;-)
    Was hast du da nur wieder angestellt`? Die Ausgasngsgeschichte würd ich zu gern wissen...

  • #2

    Muttersprach (Sonntag, 23 April 2017 20:37)

    Hey Katja,

    danke dir! Es gab da einen sehr ähnlichen Zwischenfall mit einem Handwerker, der mein versifftes Geschirrspülersieb mit Entsetzen zur Kenntnis genommen hat. :-)

  • #3

    Anke (Donnerstag, 04 Mai 2017 23:12)

    Hach ja, das erinnert mich an den letzten Besuch durch einen Handwerker bei uns... nicht nur, dass er den mit Silikon abgedichteten Waschbeckenunterschrank von der Wand losreißen musste und sich unter diesem eine durch Badfeuchtigkeit festgeklebte Staubschicht, durchsetzt mit eingepackten Tampons, Katzen- und Kinderspielzeug, befand - was den Handwerker veranlasste, erstmal noch schnell was aus dem Auto zu holen - , nein, er fand dann auch noch heraus, warum aus dem Siphon kein Wasser auslief, obwohl ein Loch an der Seite war - also wo keines sein sollte - das wurde nämlich durch eine durchgängige Schicht Schmodder verhindert. Hausfrau des Jahres? ;-)

  • #4

    Muttersprach (Sonntag, 07 Mai 2017 10:37)

    Hallo Anke,

    das kann ich mir bildlich vorstellen! Unser Kater hat in seinen Verstecken gerne verpackte Kondome gehortet. Das hat aber zum Glück kein Außenstehender entdeckt.

    Wir sollten uns den Hausfrau-des-Jahres-Award schwesterlich teilen :-)
    So nen kompakten Schmodder zu produzieren will aber auch gelernt sein oder?
    Ich hab nen Plan: Mach am Besten ein patentiertes Mompreneurship aus dem Pamps und verkauf den für gutes Geld als neuartige Bausubstanz.