Der teufelsrote Käsehut



Ich habe mal wieder eine Lektion gelernt: Man sollte sich als Mutter nicht in Sicherheit wiegen.

Denn für dieses trügerische Gefühl haben die Kinder einen ausgeprägten Riecher.

Sobald sie die Fährte aufgenommen haben, ist es bereits zu spät. Dann droht das Unvermeidliche.

Aus dem Hinterhalt greifen sie an und erschaffen unter ihrem naiven Deckmantel haarsträubende Situationen.

Haarsträubend trifft es bei dieser Geschichte sehr gut.

Um nicht zu sagen wortwörtlich.

 

 Alles fing recht harmlos an. Mein Sohn hatte seinen besten Freund zu einem Ausflug eingeladen.

Wir fuhren mit den Fahrrädern bis zu einem Holzbohlensteg und folgten von dort aus dem Fußweg durch das Naturschutzgebiet.

Die Jungs schritten gut gelaunt dahin, bis wir an einer Bank zur Brotzeit hielten.

Der Freund hatte ein paar Kleinigkeiten in seinem Rucksack dabei, die er brüderlich mit dem Kind teilte.

Die zwei boten einen harmonischen Anblick und ich lehnte mich entspannt zurück, um die Sonne zu genießen.

Ist das schön, wenn die Kinder immer selbständiger werden, dachte ich noch.

Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus.

Das war auch schon der Fehler - und zugleich die Zündung für besagten Riecher.


Kurzz darauf wurde ich unfreiwillige Zeugin einer Streiterei um die Wachshülle vom Babybel-Käse.

Noch so eine Leistung. Wenn man denkt, es gäbe beim Ausflug in die idyllische Natur keinerlei Anlass für Streitigkeiten, hat das Kind garantiert ein absurdes Szenario parat, um diese Vorstellung zu widerlegen.

Mein Lächeln war dahin. Stattdessen bildete sich eine steile Falte auf meiner Stirn.

Die gab es in der Zeit vor dem Kind übrigens nicht. Mein Sohn ist sozusagen der Schöpfer dieser Falte, die ich jeden Morgen bedenklich im Spiegel betrachte. Für solch wehmütige Gedanken blieb leider keine Zeit, denn mein Handeln war gefragt:

Mit einer generösen Geste teilte ich die rote Masse gleichmäßig unter den beiden auf und hoffte, der Streit sei damit besiegelt.
Als wir weitergingen, riss der Freund die komplette Wachspampe an sich und begann, Dinge daraus zu formen.

Eine unförmige Ente, einen klobigen Elefanten, ein mickriges Bäumchen und schließlich einen recht ansehnlichen Zylinderhut.

Den setzte er meinem Sohn auf den Kopf. Der fand das gar nicht schön und stieß ihn herunter.

Dieses Wechselspiel aus Hut aufsetzen und Runterschmeißen zog sich den nächsten Kilometer hin.

Ich bewegte mich mittlerweile in einigem Abstand vor den Jungs voran. Die waren alt genug, um das selbst zu regeln, glaubte ich.

Schließlich war das Ziel der Wanderung, die Natur zu genießen. Und das wollte zumindest ich tun.
Auf einmal war es ungewohnt still.

Ich blickte mich um und konnte keine Kinder in Sichtweite erkennen. Leise fluchend machte ich mich auf die Suche.

Nach einer Biegung wurde ich fündig - oder besser gesagt, wohnte ich einer dramatischen Szene bei:

Da mein Sprössling den Wachshut immer wieder von seinem Kopf herunterschmiss, griff der Freund zu drastischeren Maßnahmen, indem er zweimal fest mit der Hand auf den Hut patschte. Damit saß das Ding bombenfest.
Fazit: Mein Kind brüllte wie am Spieß, sodass die geschützten Vögel in dem Reservat vermutlich den Herztod erlitten, und der Freund war begeistert von seiner modischen Kreation.
Der vorwurfsvolle Blick des Kindes ging mir an die Nieren. Offensichtlich erwartete es von mir eine Lösung des Problems.

Zaghaft zog ich an dem Hut, dessen breite Krempe fest mit dem zornroten Kopf des Kindes verschmolzen war.

Durch das ohrenbetäubende Geschrei produzierte der Junge eine solche Hitze, dass der Hut ganz weich wurde und mit seinen Haaren verschmolz. Sobald ich an der ungewöhnlichen Kopfbedeckung zog, riss ich automatisch Haare mit aus.

Dass das Gebrüll dadurch nicht gerade abgemildert wurde, kann man sich vorstellen.

Behutsam versuchte ich meinem Sohn klarzumachen, dass er den Käsehut vorerst aufbehalten müsse, um schlimmeren Schaden zu vermeiden.

Nachdem der größte Groll verraucht war, trottete er lustlos hinter mir her.

Auf seinem Haupt thronte das wächserne Ding, dessen Spitze sich durch die Sonneneinstrahlung langsam zur Seite neigte.

Der Freund hatte offenbar ein schlechtes Gewissen und bildete die schlurfende Nachhut.

So schritten wir stumm hintereinander drein wie ein Trupp Büßer - der Judas in der Mitte - gebrandmarkt durch den Hut in der roten Teufelsfarbe.
In diesem Aufzug zogen wir allerlei Blicke auf uns. Doch keiner wagte zu fragen.

Möglicherweise hielten sie uns für dubiose Sektenmitglieder auf dem Weg zum Jüngsten Gericht.

So kam ich mir auch langsam vor. Die Stimmung war überhaupt nicht mehr vorhanden.

Jede Zankerei wäre mir lieber gewesen als dieses unheilvolle Schweigen.

Glücklicherweise erreichten wir bald das Ende der Runde, wo die Räder standen.

Das stellte mich vor ein erneutes Problem: Was tun mit dem Fahrradhelm?

Wir würden an einer viel befahrenen Straße unterwegs sein und da könnte ich den unmöglich weglassen.

Das tapfere Kind biss die Zähne zusammen, als ich den Helm mit aller Gewalt auf den Wachshut presste.

Da war mir bereits klar, was mich beim Abnehmen Zuhause erwarten würde. Wenn das überhaupt möglich war.

Auf dem Rückweg ließ ich mir sehr viel Zeit. Ich wollte nicht ankommen, niemals.

Doch die Kinder drängten mich unerbittlich voran. Sie hatten ja keine Ahnung...


Nachdem wir den Freund abgeliefert hatten, kamen wir daheim an.

Mein Sohn, der die Hut-Geschichte offensichtlich wieder vergessen hatte, drehte pfeifend einige Runden in der Einfahrt.

Wie der Blitz schoss ich in den Geräteschuppen, sperrte mein Rad ab und stürmte unter dem Vorwand, dringend auf´ s Klo zu müssen, ins Haus. Ich schloss die Augen. Es war nur eine Frage der Zeit bis zur Apokalypse.

Ich zählte: "Fünf, vier, drei zwei..."
„MAMAAAAAAAA...!!!!!!“
Das ging durch Mark und Bein. Mit wackeligen Knien öffnete ich die Badezimmertür und stellte mich meinem Schicksal.


„So, das hätten wir“, zirpte ich gespielt fröhlich und legte die Schere weg.

Meine fahrigen Hände fegten die Haarbüschel vom Pullover meines Sohnes.

Auf keinen Fall durfte ich jetzt lachen, um das Selbstbewusstsein des Kindes nicht nachhaltig zu schädigen.

Doch das war beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Ich biss mir die Wangen blutig.

Mit klopfendem Herzen hielt ich meinem Sohn den Spiegel hin.

Er betrachtete sich zunächst argwöhnisch und stand dann ziemlich gleichgültig auf, um zu spielen.

Die peinliche Angelegenheit war ihm noch nicht mal einen Kommentar wert.

Eigenartige Erleichterung durchflutete mich.

Ein Erwachsener hätte auf dieses kreisrunde Loch auf dem Schädel ganz anders reagiert.

Dank meines haarschneiderischen Könnens war das eine richtige Papst-Frisur geworden.

Der Eingriff, bei dem ich den Sohn mit Hilfe diverser Scheren von der bombenfesten Konstruktion aus wächsernem siamesischen Zwilling und Fahrradhelm trennen musste, hatte eine geschlagene Stunde in Anspruch genommen.

Ich war fertig mit der Welt.


Am nächsten Morgen machte sich das Kind fröhlich singend für die Schule fertig.

Sämtliche negativen Erinnerungen an den gestrigen Vorfall waren verflogen.

Ich gesellte mich zu ihm in die Garderobe und zog ein Käppi aus dem Schrank.
Der Sohn glotzte mich irritiert an: „Was soll ich damit?!“
„Vielleicht Aufsetzen?“, blaffte ich zurück.
„Warum??“
Jetzt kam ich ins Stocken. „Na weil, weil...“


Da war sie wieder, dieser bodenlose Unbedarftheit, die mir die Sprache raubte.

Scharf sog ich die Luft ein und griff nach dem Autoschlüssel.

Kinder sollen schließlich aus eigener Erfahrung lernen, da braucht man sich nicht immer einzumischen, redete ich mir ein.

Und überhaupt ist gut gemeint das Gegenteil von gut. So!

Als das Kind ausstieg und sich verabschiedete, schlug ich die Augen nieder.

Ich blickte ihm lange hinterher und stellte konsterniert fest, dass seine kreisrunde Glatze in der Sonne funkelte.

Pflichtbewusst erledigte ich meine Einkäufe und versuchte dabei krampfhaft, nicht an die unausweichliche Demütigung meines Papst-Sohnes zu denken.

Gerade als ich nach einer Packung Haferflocken greifen wollte, klingelte das Handy.

Auf der anderen Seite sprach die Rektorin hörbar erregt von einem "unangenehmen Zwischenfall". 

Da war es also, das Jüngte Gericht, schoss es mir durch den Kopf. 

"Ich bin gleich da", stammelte ich in den Hörer, ohne weitere Informationen abzuwarten.

Wie die Feuerwehr raste ich zur Schule.
Im Zimmer der Rektorin standen zwei Buben mit gesenkten Häuptern, in deren Mitte jeweils ein Loch in der Größe eines Bierdeckels klaffte. Die Tatwaffe in Form einer grünen Bastelschere lag auf dem Schreibtisch der Schulleiterin.

Diese berichtete mir und der Mutter des besten Freundes mit schwankender Stimme vom Tathergang:

Mein Kind war in der Pause dabei gesehen worden, wie es seinem Freund mit der Schere die Haare stutzte.

Dabei waren sie umringt von Schülern, die das Treiben lautstark anfeuerten.

Als die Rektorin in diesen heiligen Akt, der nach Angaben der Kinder in gegenseitigem Einvernehmen geschehen war, eingegriffen hatte, gab es großes Geschrei.

Ich und die Mutter grinsten schief beim Anblick der zwei kleinen Päpste, die von ihrer Frisur dermaßen überzeugt waren.

Der aufgebrachten Rektorin zuliebe machten wir betroffene Gesichter und hielten halbherzige Standpauken.

Damit waren wir entlassen.

Den Rat, dringend mit den Kindern zum Friseur zu gehen, gab man uns mit auf den Weg.
Doch bei meinem Sohn kämpfte ich diesbezüglich gegen Windmühlen.

Er war von seiner entstellten Haarpracht begeistert. Ebenso der Freund.

Wie ich erfuhr, wurden sie seit jener Aktion von den Mitschülern regelrecht verehrt.

Sie waren cool, rebellisch, verwegen und trugen diesen Lebensstil mit ihren obszönen Frisuren zur Schau.

Allzu lange währte das zum Glück nicht.

Ebenso schnell wie Haar, wächst nämlich auch das Interesse für Neues.


„Küssen, Kino, Laserschwertkampf oder Mc Donald´ s?“ krähte mir das wieder vollständig behaarte Kind Wochen später entgegen.
Das waren die Optionen eines neues Himmel und Hölle Papierfaltspiels, bei dem es besagte Auswahlmöglichkeiten auf vier kleinen Papierquadraten zu wählen galt. Das ist der Jugend von heute also wichtig.

„Nun wähle endlich!“, beharrte ungeduldig der Sohn.
„Laserschwertkampf“, stöhnte ich jenseits der Sofakissen.

 

Mir war alles recht.

Hauptsache, ich musste dem Kind nicht die Haare schneiden.

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Kommentare: 8
  • #1

    Katja (Sonntag, 14 Mai 2017 17:43)

    Pünktlich zum Muttertag so ne Geschichte, das nenn ich mal gelungen.
    ps: Gibt es Fotos von den Papstfrisuren? Das hätte ich zu gerne gesehen!

  • #2

    Julie (Montag, 15 Mai 2017 12:51)

    Oh mein Gott, was für ein Alptraum!!!
    Bei einem Jungen ist es zumindest nicht ganz so schlimm wie bei einem Mädchen mit langen Locken... da bin ich empfindlich. Als die Haarbüschel erwähnt wurden, hatte ich sogar Gänsehaut :-)
    LG Julie

  • #3

    Sunshine (Montag, 15 Mai 2017 18:32)

    Das ging ja gerade nochmal gut!
    Mein Sohn hätte das nicht so locker weggesteckt. Dem ist sein Äußeres extrem wichtig und er stylt sich jeden Morgen bevor er zur Schule geht :-))

  • #4

    Magdalena (Montag, 15 Mai 2017 20:07)

    Spitzenklasse, Conni!
    Ich hab auc was gelernt: man sollte vor dem Laptop nicht essen. Bei der Stelle mit der Apokalypse musste ich heftig lachen und hätte fast alles wieder ausgespuckt!

  • #5

    Wonderwoman (Sonntag, 21 Mai 2017 15:22)

    Genau aus diesem Grund gibt es bei uns keinen Babybelkäse mehr. Was die mit der Wachshülle schon alles angestellt haben.. Steckdosen verstopft, Kugeln draus geformt und in Nase und Ohren gesteckt. Der Kinderarzt durfte das wieder rauspulen, der wird sich auch was gedacht haben...
    Du hast das übrigens super spannend geschrieben. Liest sich sehr leicht.

  • #6

    Muttersprach (Mittwoch, 24 Mai 2017 11:11)

    Hallo ihr Lieben,

    sorry dass ich erst so spät antworte. Zur Zeit ist es sehr turbulent bei mir.
    Die Geschichte ist nicht eins zu eins so passiert.
    In Wahrheit ist das eine Story aus meiner Kindheit. Meine Freundin hat in der Grundschule während des Unterrichts Babybel gegessen. Aus dem Wachs formte sie einen Hut, den sie mir aufsetzte. Der Lehrer hat uns angeschnauzt und meinte, ich solle das lächerliche Ding abnehmen.
    Ging aber nicht. Saß bombenfest (meine Freundin hat ebenso wie der Junge in der Geschichte mit der Hand nachgeholfen).
    Da saß ich bis zum Ende der Stunde (zum Glück die letzte an jenem Tag!) mit dem Teil auf dem Kopf an meinem Platz und alle haben mich ausgelacht. Sogar der Lehrer konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
    Nach Unterrichtsschluss bin ich so schnell wie möglich rausgerannt, um mit dem Rad heimzufahren. Ich dachte, der Helm wäre eine super Bedeckung.
    Tja, den hab ich mit einiger Gewalt festgezogen.
    Zuhause angekommen, hat die Partnerin meines Opas zur Schere gegriffen, um den Wachshut rauszuschneiden. Heute denke ich noch dran, wie tragisch-komisch das war.
    Daher hab ich die Story einfach in die Gegenwart geholt und das Kind in den Kontext gesetzt :-))

  • #7

    Michelle Klinger (Samstag, 08 Juli 2017 13:49)

    Ich hab das Bild von dem Käse in der Vorschau gesehen und war gleich neugierig. Ich konnte mir überhaupt nichts darunter vorstellen.
    Nach dem Lesen der Geschichte bin ich um Einiges schlauer!
    Selbst habe ich zwar keine Kinder, doch was dein Sohn alles anstellt, ist kaum zu fassen.
    Da machst du was mit, meine Achtung! Ich weiß nicht, ob ich das könnte.
    Lieben Gruß, Michelle.

  • #8

    Muttersprach (Sonntag, 09 Juli 2017 13:25)

    Hallo Michelle!

    Danke für dein Feedback.
    Als ich noch kinderlos war, konnte ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen, was da noch auf mich zukommen würde. Was soll man sagen? Surprise, surprise ^^
    Ich bin mit einem Kind jedenfalls bestens bedient. Keine Ahnung, wie Großfamilien sowas wuppen.
    Vor denen habe ich Hochachtung.

    Lieben Gruß zurück,
    Conni