Omas Liebling, der Informatiker und die Koksfabrik 2

 

Im Laufe des Abends verdüstert sich meine Laune zusehends.
Offenbar sind hier nur Informatiker und Muttersöhnchen anwesend. Ganz zu Schweigen von Omas Liebling. 

Allesamt Langweiler ohne Hobbys, ohne Leben. Die meisten fragen nach meinem "Synonym" - es ist zum Weinen.
Auf meine Fragen kommen stets die selben Antworten. Selbst wenn ich mir Notizen machen wollte, brächte ich nichts zu Papier.

Ich kann sie nicht unterscheiden. Für mich heißen sie alle Kevin oder Egon.

Weiß der Teufel, wer diese Schiffbrüchigen angeschwemmt hat. Nicht die Flüchtlinge sind das Problem, das ist die wahre Krise Deutschlands. Mit solchen Männern an Bord geht das Schiff noch im Hafen unter.

Gekrönt wird diese traurige Auswahl durch einen 34-jährigen ehemaligen Geschäftsmann mit Burnout, der tragbare Saunen im Fass etablieren wollte. Leider hat ihm jemand die Idee geklaut und verdient sich nun eine goldene Nase damit. Schon etwas bitter das Ganze. Da kann man leicht die Nerven verlieren. Er heult mich mit seinem Lebensdrama voll.

Das sind die längsten sieben Minuten meines Lebens.
Als die vorletzte von insgesamt zwölf Runden bevorsteht, bin ich kurz vor dem Burnout.

Ich zweifle an meinem Dasein und das Leben zieht an mir vorüber. Am liebsten würde ich mit diesem Saunafass davon rollen.

Aber ich will mich nicht der Fahnenflucht strafbar machen und halte tapfer durch. Bekanntlich kommen in der größten Verzweiflung die besten Ideen. So war es dann auch an besagtem Abend, als ich beschloss, wenigstens einen dieser Langweiler aus der Reserve zu locken.


Ich taxiere den aalglatten Eros mit wachsamen Augen. Das ist mein Proband.

Ich reibe mir voller Vorfreude die Hände. Wir beginnen ein nettes Gespräch. Es unterscheidet sich nicht von dem vorherigen Standard-Gesülze. Eros träumt von Frau, Haus und Kindern. Dabei blickt er treu drein wie ein Hund.
Wovon ich so träume? Auf diesen Einsatz habe ich gewartet, mein Bester.
Ohne Umschweife erkläre ich dem Informatiker (oh Wunder!), dass ich im Grunde dasselbe will wie er.

Heiraten, ja!

Und zwar in Kolumbien. Genauer gesagt in der Koksfabrik.

In schillerndsten Farben male ich ihm aus, wie ich mir meine exotische Hochzeit vorstelle: Einladungskarten in Form von Kokablättern und gratis Stoff für alle Gäste (allein die Dämpfe in dieser schwülen Bruchbude sorgen für High-Garantie).

Dazu eine Eskorte von zugedröhnten Fabrikarbeitern. Rosenblätter streuen kann jeder, ich will in einer weißen Staubwolke zum Altar schreiten. Hingegen darf das Foto des Brautpaares ruhig klassisch sein - nur eben mit weißen Nasenspitzen.
Und wenn´  s scheiße war Eros, was solls!

Es werden sich vermutlich alle so abschießen, dass sämtliche Erinnerungen unter riesigen Pulverbergen begraben werden.

Das hat der Sand der Zeit verschluckt, wie man so schön sagt. Oder eben der Stoff.

Meine Nase juckt unweigerlich bei dem Gedanken und ich muss schniefen. Wie passend!
Meine Augen leuchten, ich bin ganz in meinem Element. Was man von meinem Tischnachbarn nicht gerade behaupten kann.

Er ist im Verlauf meines hitzigen Monologes immer weiter in seinen Stuhl zurück gesunken. Seine Augen wirken leer.

Da hab ich ihm ordentlich Koks ins Getriebe geschüttet - erstmal läuft da nicht mehr viel im Oberstübchen.

Selbst als der Schlag des Love Angels ertönt, rührt sich der Mann nicht.

Sein Nachfolger fordert schließlich den Sitzplatz ein und Eros räumt verdattert das Feld. Genussvoll sehe ich zu, wie er einer hübschen jungen Dame am Nebentisch entgegen schwankt und sich zu ihr setzt. Sein Gesicht immer noch ausdruckslos.

Im Geiste klopfe ich mir selbst auf die Schulter und denke: Transplantation erfolgreich, der hat nur noch Koksfabrik im Kopf.

So ähnlich muss sich Frankensteins Vater gefühlt haben.
Was danach kam, kann ich nicht sagen.

Überhaupt ist dieser Abend sehr verschwommen in meinem Gedächtnis verhaftet.

Bis auf die wenigen Höhepunkte. Oder besser gesagt: Den einzig wahren Höhepunkt, Proband Eros.
Ich frage mich manchmal, wie es ihm geht, meinem Patienten. Seltsamerweise verspüre ich ihm gegenüber eine Art Fürsorge.

Der Nachhall eines kurzen, aber intensiven mentalen Intermezzos. Ich bin mir sicher, dass dieser Keim eines Tages Wurzeln treibt. Sehnsüchtig male ich mir aus, wie ich den Briefkasten öffne und eine Einladungskarte in Form eines Kokablattes entgegennehme.

Lieber Eros, ich bin dabei!

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Kommentare: 13
  • #1

    Katja (Donnerstag, 09 Februar 2017 18:12)

    Conni, you made my day! Ich hab Tränen in den Augen vor Lachen... dein trockener Humor ist einfach köstlich!

  • #2

    Muttersprach (Freitag, 10 Februar 2017 12:53)

    Hallo Katja!
    Es freut mich, dass dir der Bericht gefallen hat! Ich finde ja grundsätzlich, dass sich die Leute nicht so ernst nehmen sollten... was wäre das Leben ohne den guten, alten Sarkasmus? ;-)

  • #3

    Sarah (Montag, 27 Februar 2017 13:50)

    Hab mich hier etwas durchgelesen und das ist mit Abstand der witzigste Eintrag. Auch wenn ich finde, dass mit den Männern etwas hart ins Gericht gegangen wird. Ich wünsche dir, dass du nach den schlechten Erfahrungen noch deinen Traumpartner findest.

  • #4

    Muttersprach (Dienstag, 28 Februar 2017 23:51)

    Hi Sarah,
    erstmal danke fürs Kompliment. Mag sein, dass ich in deinen Augen etwas hart ins Gericht gegangen bin. Das liegt im Auge des Betrachters.
    Ich mache jedenfalls keinen Hehl daraus, dass mich der Abend mächtig frustriert hat :-)
    An den Traumpartner bzw. "den Einen" glaube ich übrigens nicht. Wenn wir die Liebe zuerst krampfhaft im Außen suchen, werden wir meiner Erfahrung nach nicht fündig. Für mich war es eine wichtige Erkenntnis, dass ich selbst die große Liebe meines Lebens bin. Wenn man das verinnerlicht hat, kommt alles andere von selbst. Das ist meine bescheidene Meinung zu dem Thema :-). Aber darüber werde ich noch in der Texte-Rubrik schreiben, wenn ich endlich mal dazu komme.

  • #5

    Julie (Donnerstag, 02 März 2017 22:41)

    Die Story ist ja der Oberhammer! Wahnsinn, wie du Alltagsbegebenheiten in so anspruchsvolle Texte verwandeln kannst. Ich könnte mir vorstellen, dass du damit bei einem Wettbewerb oder Poetry Slam abräumen würdest. Das hat fast ein bisschen was von Torsten Sträter... und ich gehör jetzt nicht zu den Leuten, die anderen Honig ums Maul schmieren.

  • #6

    Muttersprach (Sonntag, 05 März 2017 17:11)

    Also Julie, jetzt bin ich glatt ein bisschen rot geworden beim Lesen deines Kompliments.
    Leider kann ich mir gar nicht vorstellen, vor einer Menge was vorzutragen. Da würde ich wohl mehr zittern und stottern als sprechen. Schriftliche Teilnahme am Wettbewerb ginge schon eher. Da müssten halt die Teilnahmebedingungen zum Text passen.
    Der Vergleich mit Sträter ehrt mich. Den find ich nämlich super! Danke!

  • #7

    Finchen (Mittwoch, 08 März 2017 21:53)

    Hahaha, ich lieg hier grad am Boden vor Lachen!!! Was für ein abgrundtiefer Humor. Das ist genau mein Geschmack. Ich glaub, hier mach ichs mir gemütlich :-))
    ps: Ich kann gar nicht glauben das das wirklich passiert sein soll? Echt jetzt??! Der arme Eros *Prust*

  • #8

    Muttersprach (Donnerstag, 09 März 2017 14:07)

    Hi Finchen,
    ich freu mich über das Lob. Du darfst gerne Platz nehmen :-)
    Was die Geschichte betrifft muss ich gestehen, dass die ersten drei Begegnungen eher überzogen sind. Aber das mit dem Eros hat sich tatsächlich so abgespielt. Die Idee dazu hatte ich, weil meine Freundin gerade aus Kolumbien zurückgekehrt war und mir von einer Koksfabrik dort erzählt hatte. Die kann man besuchen wie ein Museum, inklusive Verkostung. Das hat mich fasziniert und dank meiner blühenden Fantasie kam eins zum andern...

  • #9

    Sheela (Samstag, 25 März 2017 13:05)

    Die Texte lesen sich so flüssig, dass man gar nicht merkt, wie die Zeit verfliegt! Darum bin ich auch spät dran und muss jetzt los zu nem Termin.
    ps: dein Wortwitz ist spitze!

  • #10

    Muttersprach (Donnerstag, 29 Juni 2017 16:23)

    Servus Sheela,

    das ist wohl eines der schönsten Komplimente für einen Autoren.
    Vielen Dank, dass du dir trotz der Eile noch Zeit für ein Feedback genommen hast.

    Liebe Grüße,
    Conni

  • #11

    Morgenstern (Samstag, 01 Juli 2017 14:29)

    Okay, die Story war dermaßen unfair (meinem Beckenboden gegenüber). Fast wär ein Unglück passiert... du hast mir den Lacher des Monats beschert!!!
    Ich hab vor Ewigkeiten mal am Speeddating teilgenommen und das war gar nicht so weit entfernt von dem, was du berichtest. Kann deinen Frust nachvollziehen, damals hatte ich auch nur Nieten gegenübersitzen. Doch irgendwann, wenn man die Suche aufgegeben hat und sich nur noch um sich selbst kümmert, kommt der Traumprinz plötzlich um die Ecke! Echt wahr, habe ich so erlebt. Nur Mut! Liebe Grüße aus Ulm.

  • #12

    Muttersprach (Samstag, 01 Juli 2017 17:38)

    Au weia Morgenstern, das ist ja grade nochmal gut gegangen!
    Kenn das auch mit dem Beckenboden. :-(
    Trotzdem freut es mich riesig, dass dir der Text zusagt und dich zum Lachen gebracht hat.
    Das mit dem Suchen hab ich schon hinter mir. Und tatsächlich ist es seit einiger Zeit so, dass ich neben dem Kind fast ausschließlich mit mir und meinen Projekten beschäftigt bin.
    Ich lass mich also überraschen von der nächsten Ecke ;-)

    Wünsch dir noch ne gute Zeit,
    Conni

  • #13

    Ellen (Freitag, 28 Juli 2017 19:40)

    Der Abschuss!!! Ich musste zwischendurch ne Pause einlegen, sonst hätt ich das vor lauter Lachen nicht gepackt. Die Typen, die du beschreibst, sind dermaßen schräg... zum totlachen!!