Omas Liebling, der Informatiker und die Koksfabrik 1

 

Als Single-Mutti eines heranwachsenden Kleinkindes wollte ich langsam mal wieder unter Leute kommen.

Oder besser gesagt: unter Männer.

Aus diesem Grund habe ich mich gemeinsam mit meinen Freundinnen zum Speed-Dating angemeldet. Das Konzept versprach maximale Ausbeute in minimaler Zeit. Diese Geschichte ist natürlich überspitzt, basiert aber auf einer wahren Begebenheit. An dieser Stelle möchte ich dem Teilnehmer Eros mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Tut mir Leid, Eros! Aber ich konnte nicht anders. Lest selbst...

Es herrscht gedämpftes Licht in der futuristisch eingerichteten Münchner Szene-Bar.
Stühle und Tische sind auf kleinstem Raum zusammen gequetscht und die testosterongeschwängerte Luft nimmt mir schier den Atem. Dann ist da noch dieser sogenannte Love Angel in seinem hautengen Polyestershirt - ein billiger Abklatsch von Brisko Schneider.

Mit abgespreiztem Zeigefinger nimmt er einen Teelöffel in die Hand und klopft an den Rand eines Sektglases, nachdem er den darin enthaltenen Prosecco vorsichtig ausgenippt hat. Seine Lippen sind immer noch unnatürlich gespitzt, als er den Anwesenden den Ablauf des Abends erklärt.
Gequält sehe ich mich um und blicke in die aufmunternden Gesichter meiner Freundinnen, die mich zu diesem unfassbar angesagten Speed-Dating-Event angemeldet haben. Meine beste Freundin beugt sich zu mir hinüber und raunt mir das Pseudonym ins Ohr, das sie bei der Registrierung im Internet für mich ausgesucht hat. Ich werfe ihr einen vernichtenden Seitenblick zu und tippe mir an die Stirn.
Bevor ich mir weitere Gedanken darüber machen kann, ob ich diesen Schwachsinnsausdruck wirklich in den Mund nehmen soll oder lieber gleich meinen richtigen Namen nenne, werde ich durch die auftretende Hektik abgelenkt.

Wie wild wuseln die Männer durcheinander.
Endlich ist alles vorbereitet: Die Frauen sitzen brav an ihren Tischen, während die Kerle alle sieben Minuten wechseln.

Ich checke die Sachlage und bemerke das allseits bekannte Unverhältnis: Lauter ansprechende Frauen stehen einem Haufen unterdurchschnittlicher Männer gegenüber. Vielleicht wechsle ich doch eines Tages zum anderen Ufer, sinniere ich wehmütig, das macht langsam echt keinen Spaß mehr.  Aber nun bin ich hier und ziehe das durch. Eisern.
Kurz bevor es losgeht, flattert der Love Angel um die Tische und säuselt zum wiederholten Male: "Genau sieben Minuten Zeit!"
Ja ist gut, denke ich. Wie exakt kann er das schon messen, hat er etwa ne Atomuhr unter seinem Kostümchen?
Meine Gedanken werden jäh unterbrochen, als da plötzlich ein Gesicht erschreckend nahe vor meinem auftaucht.

An meinem Tisch sitzt ein bebrillter Typ der aussieht, als hätte ihm seine Omma die Klamotten rausgesucht und ihm zum Abschied noch ein Küsschen auf die unbehaarte Wange gedrückt. Ich scanne sein Gesicht auf Barthaare  - so gut kann sich kein Mensch rasieren, der ist glatt wie ein Babypopo. Wie war das nochmal mit der Altersgruppe, geht es mir durch den Kopf, haben wir uns nicht extra für 26 aufwärts entschieden?!
Der Typ glubscht mich nervös an und schrabbt mit dem Boden seiner braunen Cordhose unruhig über den Stuhl. Zwanghaft legt er mit den Fingern seinen ohnehin schon perfekten Seitenscheitel zurecht. Ein einziges Drama, und das ganz ohne Worte.
Na gut, seufzt mein Großhirn, dann gib dem Bürschchen eine Chance. Ich nicke ihm in Stummfilm-Manier ermutigend zu.

Da setzt er doch tatsächlich mit dünnem Stimmchen zu sprechen an: "Hallo. Ich bin lovemehard82 und was ist dein Synonym?"
Ungläubig starre ich ihn an. Mein linkes Auge beginnt zu zucken.
Über diesen Namen mag man denken, was man will, aber hat der gerade echt "Synonym" gesagt?
Die Gnadenfrist ist vorbei. Mein Intellekt zieht sich beleidigt zurück und überlässt die Herrschaft der Exekutive.

Ich mag dieses Wort. Kopf ab!
"Ich bin die Conni", entgegne ich pampfig.
Jetzt kommt doch noch Leben in den Burschen.
"Man soll hier nicht seinen richtigen Namen sagen, das steht in den Regeln", ereifert er sich, ganz der brave Schuljunge.
Jetzt hat er meinen Kampfgeist geweckt.
"Ach ja?!", blaffe ich ihn an, "dann solltest du eines wissen: Ich mach´ meine eigenen Regeln!"
Diese rebellische Äußerung hat uns zum Stummfilm zurück katapultiert.
Angespannt spielt mein Gegenüber mit dem Stift herum, den uns der Liebesengel zum Zwecke von Aufzeichnungen gegeben hat.

Aus lovemehard82´  s himmelblauen Augen sprühen Funken.

Seine dünnen Lippen sind aufeinander gepresst und bilden eine Linie wie bei einem Strichmännchen.

Das beeindruckt mich schon ein wenig. Offenbar bin ich dabei, einen schlafenden Löwen zu wecken.
Leider findet das Duell nicht den krönenden Abschluss, den es verdient hätte. Die sieben Minuten sind im Nu verflogen.

Als das Signal ertönt, steht lovemehard82 auf und sagt trotzig: "Ich schreib dich nicht auf meine Liste!"
Jetzt hast du es mir aber gegeben, denke ich. Deine Omma wäre stolz auf dich.
Der Nächste, bitte!
Großzügig beschließe ich, von nun an ein bisschen netter zu sein. Wie sich später herausstellen sollte, ein grober Fehler.
Vor mir sitzt ein adrett gekleideter junger Mann in aufrechter Haltung - eine Augenweide für jeden engagierten Physiotherapeuten. Hingegen lümmele ich mehr oder weniger herum und begutachte sein kariertes Hemd und die farblich abgestimmte Krawatte. Alles Dinge, die mich absolut nicht beeindrucken.
Aber zumindest weiß er was ein Pseudonym ist und stört sich auch nicht an meinem richtigen Namen. Da scheint sich tatsächlich ein Gespräch anzubahnen. Fleißig macht sich der 33-jährige Informatiker Notizen über meine Hobbys.

Mein Stift liegt immer noch unberührt vor mir, was ihn offenbar stutzig macht. Seine Stirn legt sich in Falten.

Bevor da etwas Störendes aus seinem Mund kommen kann, lenke ich gekonnt ab: "Und, was machst du in deiner Freizeit?"
Treffer.

Seine Miene hellt sich auf und er kontert: "Ich mag Zahlen."
Mein Mund öffnet sich leicht und ich erstarre.

Das sind Momente, in denen ich gerne meinen Schädel gegen irgendetwas Hartes schlagen möchte. Mein Blick richtet sich nach unten und ich liebäugle gefährlich mit der Tischplatte, als mir wilde Gedanken durch den Kopf rasen: Ich und der Informatiker im Bett.

Er wohnt noch bei Mutti. Die hört man nebenan sauber machen, während wir hier versaute Dinge treiben. Wobei versaut in diesem Kontext relativ erscheint. Über dem Bett prangt das Poster des Binärcodes.

"Los, mach mich an", raunt er mir zu und wirft einen vielsagenden Blick Richtung Poster.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge, wie ich Einsen und Nullen in das Ohr eine Mathe-Fetischisten rezitiere, begleitet von Muttis monotoner Staubsaugermusik.
"Alles klar bei dir?" blökt es besorgt von der anderen Seite.

Dümmlich grinsend blicke ich den Informatiker an und gebe nickend Entwarnung. Mir fehlen die Worte.
Zum Glück tönt schon der Love Angel, mein Retter!

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Kommentare: 3
  • #1

    Autumn (Samstag, 11 Februar 2017 17:26)

    Oh mann, bei dem Mathe-Fetischisten hab ich glatt meinen Kaffee durch die Nasenlöcher wieder rausgeprustet... du hast eine blühende Fantasie, meine Liebe! Jetzt muss ich die Sauerei erstmal wegmachen. (Versiffte) Grüße aus Würzburg

  • #2

    Muttersprach (Dienstag, 28 Februar 2017 23:42)

    Danke dir, Autumn.
    Diese Geschichte zählt zu meinen absoluten Favoriten. Insbesondere deswegen, weil sie sich sehr stark an den tatsächlichen Geschehnissen orientiert.
    Ich hoffe, du kriegst die Kaffeeflecken wieder raus.

  • #3

    Pixie (Samstag, 21 Oktober 2017 12:20)

    Ich feier diesen Text so hart! Kann mich nicht mehr einkriegen!
    Da kann Teil 2 nur noch besser werden