Ode an meine Brüste Teil 3: Die Abrechnung

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Der Morgen danach verlief bescheiden.

 

Ilse half mir beim Check-Out und brachte mich zur nahe gelegenen Arztpraxis von Dr. Nase.

Dort durfte ich mich auf eine Liege legen, während eine Assistentin (wieder eine Kindfrau, ausnahmsweise aber nicht blond) den Verband öffnete.

Als ich an mir hinab blickte, traute ich meinen Augen nicht:

Zwei monströse Porno-Silikonberge versperrten mir den Blick auf meinen Bauch.

Schlagartig setzte die Euphorie wieder ein.

War ich womöglich das Opfer einer Verwechslung?

Hatten dir mir statt einer Straffung etwa Implantate eingepflanzt? Meine Ohren glühten. 

Falls dem wirklich so sein sollte, würde ich nichts sagen. Das schwor ich mir.

Ganz sachte schloss ich meine Hände um diese beiden Prachtexemplare, die tatsächlich Teil meines Körpers sein sollten.

Ich wollte diese ungewohnten Mördermöpse behalten, auch wenn ich dafür den Rest meines Lebens auf dem Rücken schlafen müsste.

Zu meinem Leidwesen teilte mir Dr. Nase mit, dass alles seine Richtigkeit habe und es sich um eine reguläre Schwellung handle, die wieder zurückgehen würde.

Ich zog eine Schnute.

Insgesamt war der Arzt zufrieden.

Liebevoll blickte er auf sein Brustkunstwerk hinab und  betastete es mit spitzen Fingern.

Als er bei den Nippeln ankam, kiekste ich.

"Na wunderbar, Sie haben das Gefühl in den Brustwarzen behalten", lobte Dr. Nase sich selbst.

Und ich freute mich mit ihm.

Der Chirurg erklärte mir, dass ich am nächsten Tag noch einmal zur Nachuntersuchung kommen sollte. Da würde man mir auch die Schläuche ziehen.

Bekümmert dachte ich daran, dass ich mit diesem ekelhaften Druckgefühl nach Hause gehen müsste.

Der Doktor deutete meine Miene falsch: „Sie haben doch jemanden, der Sie abholt, oder?“, wollte er ernsthaft besorgt wissen.

Ich bejahte. In Wahrheit fuhr ich mit dem Zug.

Die OP war meine persönliche Sache, die ich mit niemandem teilen wollte.

Alles war genauestens durchgeplant: Das Kind war 48 Stunden lang auf Vater und Großeltern aufgeteilt worden, sodass ich in Ruhe mein Vorhaben verfolgen konnte - offiziell die Übernachtung bei einer Freundin.
Wie eine Geisha in klobigen Holzplateauschuhen bewegte ich mich mit Miniatur-Schrittchen zum Hauptbahnhof. Das war in meinem Fall keine Sache der Anmut - mir tat einfach alles weh.

Die einstündige Zugfahrt verging schnell.

Auch die Strecke, die ich mit dem Auto bis zu meiner Wohnung zurücklegen musste, war kurz.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht betätigte ich den Schalthebel.

Zuhause angekommen, stellte sogar das Drücken der Türklinke eine Herausforderung dar.

Ganz zu schweigen von Toilettenspülknopf, Fenstergriffen oder Wasserhähnen.

Ich versuchte, mich so wenig wie möglich zu bewegen.

Kochen war natürlich nicht drin, doch auch hier hatte ich vorgesorgt.

Flüssignahrung aus der Schnabeltasse nippen, Beine hochlegen und die nächsten zwölf Stunden Serien gucken - so fühlte ich mich ganz wohl.

Fazit: Ein postoperativer Zustand ist immer noch Erholung pur im Vergleich zum Kinderkriegen.
Nachdem mir am darauffolgenden Tag die Drainage-Schläuche gezogen worden waren, hatte sich mein Zustand erheblich verbessert.

Jedoch war ich nicht in der Lage, meine Alltagstätigkeiten durchzuführen.

Ich erzählte dem Kind, dass ich mir im Fitness-Studio einen Muskelkater zugezogen hätte und deswegen in der Bewegung eingeschränkt sei.

Mein Sohn schenkte mir Glauben und nahm Rücksicht.

Es lebe die Ratio eines Schulkindes!
Mit meiner Ausrede - die ich der Glaubhaftigkeit halber in einen Verdacht auf Muskelfaserriss ausgedehnt hatte - ließen sich die darauffolgenden zwei Wochen gut überbrücken.

Ich blickte an mir herab und war zufrieden.

 

Nun hatte ich also mein positives Körpergefühl wiedererlangt und dabei mein Erspartes verloren.

Das würde wohl erst mal nichts werden mit dem nächsten Urlaub.

Den Übernächsten strich ich gedanklich auch gleich durch. Hat alles seine Vor- und Nachteile. Dennoch haderte ich wegen dem Geld.

Mir gingen die diffusesten Gedanken durch den Kopf. Irgendwann kam ich zu dem Schluss, dass der Übeltäter an der Brust-Misere mein Sohn war, wenn auch indirekt.

Da ich ein sehr visueller Mensch mit schwarzem Humor bin, erschuf ich zu meiner persönlichen Erheiterung folgendes Szenario:


Zum achtzehnten Geburtstag organisiere ich meinem Sohn eine kleine Überraschungsparty.

Als er mit seiner niedlichen Zahnspangen-Freundin und den obercoolen Gangster-Kumpels im Schlepptau am Elternhaus ankommt, fällt ihm sogleich eine merkwürdige Dekoration ins Auge.

Diese habe ich ich sorgsam an der Hausfassade angebracht.

Genauer gesagt ist das ganze Gebäude mit dieser überdimensionalen Girlande umwickelt.
Der Sohn denkt sich vielleicht: „Die Alte wollte mal kreativ sein“ und schenkt meinen Bemühungen ein nachsichtiges Lächeln.

Ich bitte den Besuch zum Sektempfang ins Wohnzimmer, wo bereits die erwartungsvollen Großeltern sitzen. Sie knutschen den Enkel trotz seiner nachlässigen Rasur ab und wünschen ihm alles Gute für die Zukunft.

Angestrengt nippen die jungen Gäste an ihrem Sekt und schaufeln salzige Snacks in sich hinein.

Man merkt ihnen an, dass sie diesen Anstandsbesuch möglichst bald hinter sich bringen wollen.

Ich kennen den Hauptgrund ihres Erscheinens:

Sie wollen das Geschenk in Form eines Autos abholen, das die Großeltern in einem Anflug von Demenz haben springen lassen.

Nach einem mehr oder weniger angeregten Geplauder, das hauptsächlich aus Mahnungen meiner Mutter besteht, der Enkel solle bloß vorsichtig fahren, findet die Schlüsselübergabe statt.
Erleichtert schlüpfen die jungen Erwachsenen in ihre Mäntel. Plötzlich haben sie es eilig.

Im Geiste rauschen sie wahrscheinlich schon mit 180 Sachen über die Landstraße.

Ich reibe mir diabolisch die Hände.

Als ich die Truppe zum Hauseingang begleite, räuspere ich mich demonstrativ.

Mein Blick fällt auf die Deko, die langsam abblättert.

Ich pflücke das herab baumelnde Ende der Papierschlange, halte es zwischen Daumen und Zeigefinger fest und drücke es meinem Sohn in die Hand.

„Hier“, sage ich bedeutungsvoll, „alles Gute zum Geburtstag.“

Stirnrunzelnd beginnt das erwachsene Kind, das Papier aufzurollen.

Betreten stehen seine Freunde daneben und mustern mich, als ob ich sie nicht mehr alle beisammen hätte.

„Was soll das...?“, stottert mein Sohn, um dessen Füße sich mittlerweile rund drei Meter Papier schlängeln.

„Das ist meine Rechnung“, trumpfe ich auf.

„75 Meter. Säuberlich beschriftet mit sämtlichen Dienstleistungen, die ich je für dich erbracht habe. Aber keine Sorge, für die Nachtwache bei Krankheit habe ich eine Pauschale berechnet.“

Ich zwinkere ihm zu. Seine Freunde lachen unsicher.

Das vergeht ihnen in dem Moment, wo ich einen dicken Aktenordner hervorziehe.

„Hier ist alles nochmal übersichtlich aufgelistet. Sonst stehst du ja noch bis zum Sanktnimmerleinstag hier rum und wickelst alles ab.  Nein, nein. Ich bin doch kein Unmensch.

Das war nur eine komische Einlage, die optisch was hermachen sollte.“

Ich blicke mit schiefem Grinsen zum verhüllten Haus.

Dann fahre ich mit sachlicher Stimme fort: „ Im Anhang auf den Seiten 312 bis 315 befinden sich Vorschläge zu Ratenzahlungen. Gib mir zeitnah Bescheid, wie du es haben willst.“

Ich lasse den Ordner in die Arme meines perplexen Sohnes plumpsen und fange zugleich den Autoschlüssel auf, den er vor Verwunderung fallen lässt.

„Das kann ich als Anzahlung akzeptieren“, flöte ich und tänzele dem schicken Sportwagen entgegen.

Dabei wiederhole ich die Worte meiner Mutter in meinem Kopf: „Fahr bitte vorsichtig!“

Ja klar! Darum schafft man sich so eine Wuchtbrumme an, um damit gemütlich herumzutuckern!
Fast hätte ich das Wichtigste vergessen. 

Auf halber Strecke drehe ich um und zerre vor den ungläubigen Blicken der Anwesenden eine Reisetasche aus dem Flur hervor.

Bevor ich damit zum Auto gehe, öffne ich den Reißverschluss und ziehe einen blauen Umschlag daraus hervor.

„Hier bitte, das kommt extra“, keuche ich mit der schweren Tasche in der Hand.

Während ich den Motor aufjaulen lasse und in Gedanken bereits in Südfrankreich bin, entfaltet mein Sohn geistesabwesend das Kuvert.

Darin befindet sich eine grellbunte Karte mit achtzehn Luftballons, die jeweils die Zahl 18 in sich tragen. In der Karte ist ein gefaltetes Blatt.

Die Zahnspangenfreundin kann die Misere nicht länger ertragen, reißt dem Sohn die Karte aus der Hand und liest laut: „Du hast sie ausgelutscht, also sorgst du auch dafür, dass sie wieder gerade stehen.“

Stirnrunzelnd entfaltet sie das Blatt Papier: Die Rechnung für meine Brust-OP.

Stumme Fassungslosigkeit breitet sich unter den jungen Leuten aus.

Es ist, als hätte man sämtlichen Elan aus ihren Gliedern gesaugt.

Somit habe ich meinen pädagogischen Auftrag erfüllt.  

Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.

Irgendwann muss der Junge lernen, Verantwortung zu übernehmen.

 


Und ich? Bin dann mal weg...

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Kommentare: 8
  • #1

    Emma (Sonntag, 25 Februar 2018 19:02)

    Wie krass bist du denn drauf?!! Wahnsinn!!
    Ich hab Bauchkrämpfe vor Lachen!

  • #2

    Diarra (Sonntag, 25 Februar 2018 22:14)

    Wenn das ein Vortrag wäre, würde ich dir minutenlang standing ovations geben!
    Dein sprachliches Niveau ist erstaunlich. Da kommt ganz klar die Journalistin durch.
    Liebe Grüße,
    Diarra

  • #3

    Rabenmutter (Sonntag, 25 Februar 2018 22:45)

    Hut ab vor deiner urkomischen Trilogie!
    Der Doktor mit der verunglückten Nase und die Nachtschwester mit den versalzenen Schuhen haben mir am besten gefallen.
    Ich finde es toll, dass du nun auch solche persönlichen Geschichten erzählst, die nicht nur mit Kind zu tun haben. Wirkt sehr sympatisch!
    Du solltest wirklich ein Buch schreiben. Ich würde es sofort kaufen!

  • #4

    Sofie (Montag, 26 Februar 2018 20:14)

    Thumbs up!
    Bei dem Kommentar deiner Freundin zum Thema Stillen macht schöne Brüste fiel mir glatt die Kinnlade runter. Wenn das wirklich stimmen sollte, kann sie sich zu den sieben Weltwundern zählen.
    Ich hab schwaches Bindegewebe (vererbt, leider!) und meine Brüste haben sehr gelitten durch das Stillen. Brust-OP hab ich mir schon überlegt, aber ich trau mich nicht. Hatte mal einen allergischen Schock auf eine Narkose und seitdem hab ich davor wahnsinnige Angst.
    Mal schauen. Im Grunde stört es nur mich. Mein Mann findet mich auch nach drei Geburten noch attraktiv. Zumindest sagt er das :-)
    Ich glaube wir Frauen sind oft zu selbstkritisch. Wir sehen Dinge, die Männern gar nicht auffallen.

    ps: Ist denn alles gut verheilt ohne große Narben? Wann konntest du wieder Sport machen?

    Alles Liebe,
    Sofie

  • #5

    klara p. (Dienstag, 27 Februar 2018 09:03)

    grad auf facebook gesehen. guter bericht!
    was davon ist echt? hast du das machen lassen?

  • #6

    Eugenie (Sonntag, 18 März 2018 10:32)

    Ich kann das so gut nachvollziehen!
    Meine Brüste haben sich nach dem Stillen auch verabschiedet.
    Hab sie in Osteuropa machen lassen. Silikon unter den Muskel.
    Das waren schlimmere Schmerzen als bei der Geburt. Aber wer schön sein will muss leiden, was? Das Ergebnis ist jedenfalls top und mein Mann freut sich auch , obwohl er mir anfangs von dem Eingriff abgeraten hat.
    ps: Von deinem Humor würde ich mir gern eine Scheibe abschneiden :-))

  • #7

    Muttersprach (Dienstag, 17 April 2018 20:09)

    Hi Leute!

    Sorry dass meine Antwort so spät kommt.
    Aber ich will versuchen, alle Fragen zu beantworten.
    Ich habe das wirklich machen lassen. Abgesehen von der Nummer mit den versalzenen Schuhen ist alles genau so passiert.

    Sport durfte ich mindestens sechs Wochen nicht machen. Ich weiß es zwar nicht mehr genau, aber ich habe nach ca. zwölf Wochen wieder Sport gemacht. Badewanne, Schwimmen und Sauna sind anfangs auch tabu. Ich habe über Monate hinweg einen Kompressions-BH getragen.
    Man muss die Wunden auch gut pflegen, damit sich nichts entzündet. War zwischendrin nachlässig, da hat sich eine kleine Eiterstelle gebildet, die mit Manuka-Honig aber schnell verschwand.

    Bis die Narben verblassen, dauert es.
    Lange Zeit waren sie rot, dann wurden sie irgendwann weiß. Groß sind sie schon, doch die langen Schnitte in der Brustfalte sieht man ja nicht. Und die vertikalen Schnitte Richtung Brustwarze sind kaum zu sehen.

    Klar erzähle ich das alles humorvoll, doch so ein Eingriff ist kein Pappenstiel und sollte wohl überlegt erfolgen. Ich habe Jahre darüber nachgedacht und mich gründlich informiert. Ein guter Chirurg wie meiner es war ist entsprechend teuer.

    Ich glaube, dass es in Osteuropa gute Kliniken gibt und nachdem was man liest, sind einige auch technisch super ausgestattet. Mir war es allerdings wichtig, im Notfall einen Arzt vor Ort zu haben. Darum erfolgte der Eingriff in Deutschland.


    Viele Grüße,
    Conni

  • #8

    Dampfnudel (Mittwoch, 16 Mai 2018 22:46)

    Tolle geschichte, Conni!
    Ich warte schon sehnsüchtig auf mehr. Du hast schon so lange nichts mehr gepostet.
    Machst du eine kreative pause?
    Ich freue mich bald wieder was von dir zu lesen. Dein Humor tut mir gut.
    Alles Liebe bis dahin!