Ode an meine Brüste Teil 2: Schmerzfrei

Bild: Fotolia ©resket

 

Der große Tag war gekommen und ich war entsprechend nervös.
Mein Magen grummelte, da ich vor der OP nüchtern sein musste.

Als ich nach einem ausgiebigen Fußmarsch in der ambulanten Klinik angekommen war, schlug mir das Herz bis zum Hals.

Ich nahm im Wartezimmer Platz und beobachtete eine Frau, die grün und blau geschlagen aussah - offensichtlich das Ergebnis einer Nasenoperation.

Wie würde ich wohl danach aussehen?
Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gebracht, wurde ich von einer Assistentin in ein Nebenzimmer geleitet. Der Raum war winzig und barg lediglich Platz für eine Liege.

Dort war fein säuberlich mein OP-Outfit drapiert: Sexy Thrombosestrümpfe gepaart mit einem raffinierten rückenfreien Oberteil, das in frischem Tannengrün daherkam.

Dazu gab es einen hauchdünnen Schlüpper aus Netzmaterial sowie Überzieher für die Füße und eine Kopfhaube aus demselben Stoff.

Ich betrachtete mich vor dem kleinen Spiegel und kalter Schweiß lief mir den Nacken hinunter.

Für einen kurzen Moment dachte ich an Flucht, doch da kam schon Doktor Nase hereingeschneit.

Auf seinem Gesicht strahlte ein vorfreudiges Grinsen, das mich meine Angst vergessen ließ.

Ich war begeistert.
Dieser Mann war vollkommen in seinem Element. Und das war noch weitaus untertrieben.

Man sah ihm regelrecht an, dass er sich auf das Geschnipple am menschlichen Körper so sehr freute, wie ein Kind sich an Weihnachtsgeschenken ergötzt. Der Gott des Gemetzels!

Dr. Nases Lieblingssatz: "Ich nehme Ihre Brüste komplett auseinander und setze sie wieder zusammen."

Seine anfängliche Ausgelassenheit wurde allerdings etwas geschmälert, da es ganze drei Anläufe brauchte, bis er mit seinem Filzstift meine Brüste vollständig bemalt hatte.

Aufgrund des leeren Magens hatte ich solche Kreislaufprobleme, dass ich mich immer wieder ablegen musste.

Zum Glück kam der Anästhesist vorbei, um mich zu beruhigen.

Und das klappte ganz ohne Medikation.

Der Mann hatte eine Stimme wie Samt, die meinen Puls auf wundersame Weise entschleunigte.

Ich war den Tränen nahe.  In meinem dünnen Hemdchen fühlte ich mich so schutzlos.

Emotional befand ich mich in einem äußerst kritischen Zustand.

Als der Anästhesist dann auch noch meine Hand hielt und mir beruhigende Worte entgegen schnurrte, war ich kurz davor, ihn zu heiraten.

Das sind wohl die berüchtigt labilen Momente, in denen Frauen alles tun (meistens Dummheiten).
In dem Fall kam Doktor Nase gerade im richtigen Augenblick, um das Kunstwerk auf meinem Körper fertig zu skizzieren. Ich blickte an mir hinab: Meine Brüste sahen aus wie zwei Kreisverkehre auf einem verworrenen Straßenplan.


Im Operationssaal war es gleißend hell.

Ich starrte an die Decke. Jetzt konnte ich nichts mehr tun.

Ich war dem OP-Team vollkommen ergeben.

Dank gründlicher Recherche wusste ich ziemlich gut über die Details des Eingriffs Bescheid.

Trotzdem hätte ich gerne gesehen, was in den nächsten Stunden mit meinem Körper geschehen sollte .

Ich hätte mir eine GoPro auf den Kopf schnallen sollen, dämmerte es mir.

Damit hätte ich den Eingriff nicht nur nachverfolgen können, sondern hätte gleichzeitig unangebrachte Scherze eliminiert. Ich habe schon gehört, dass Patienten nach einer langwierigen Operation einen an der Klatsche haben, weil ihr Unterbewusstsein den Bullshit aufgesogen hat, den die Ärzte von sich gegeben haben. Weil sie dachten, die narkotisierte Olle auf der Liege kriegt eh nichts mit...

Das Adrenalin ließ mein Gehirn auf Hochtouren laufen. Mein Verstand war scharf wie ein Skalpell.

Ich hätte in 5 Minuten eine Doktorarbeit hinrotzen können.

Ja, das war meine wahrhaftige Bestimmung! Manchmal braucht es eben widrige Umstände, um das zu erkennen... ich wollte mich aufrichten und aus dem Raum marschieren.

Am besten Pfeifend. Das käme gut!

Warum folgten mir meine Gliedmaßen nicht?

Leider war ich zu jenem Zeitpunkt bereits am Tisch festgeschnallt.

Es gab es einen kurzen Stich in den rechten Arm und dann dämmerte ich selig dahin.


Als ich aufwachte, lag ich in einem kleinen Raum.

Ich musste mich neben dem OP befinden, denn das Piepsen der Geräte und die Stimme des Arztes drangen vage an mein Ohr.

Ich lauschte angestrengt, während meine Sinne sich langsam schärften.

Es schien, als würde nebenan eine Fettabsaugung durchgeführt.

Das entnahm ich zumindest dem schlürfenden Geräusch.

Kurz überlegte ich, ob ich vielleicht einen Blick hinein wagen sollte: Die würden vielleicht blöd gucken, wenn die Patientin von vorhin plötzlich hereinplatzte.

Ich kicherte leise. Die Narkose hatte mich völlig hemmungslos gemacht.

Wieder einmal wäre ich zu allem bereit gewesen. Allmählich wurde mir das Warten langweilig.

Ich kramte mein Buch aus meiner Handtasche heraus und las ein wenig.

Kurz darauf Kam Doktor Nase herein und stieß beim Anblick meiner angehobenen Arme einen kleinen Schrei aus. Er machte mir unwirsch klar, dass ich solche Bewegungen in den nächsten Wochen tunlichst meiden sollte. Sobald die Narkose nachlasse, würde ich wissen, warum.
Ich war Belehrungen gegenüber resistent.

Statt zu antworten, plapperte ich munter drauflos: „Ich habe geträumt, ich bin auf einer Südseeinsel und trinke grüne Kokosnüsse!“

Mit einem bedeutungsvollen Blick wandte sich der Arzt an den Anästhesisten, der sich daraufhin um mich kümmerte.
„Sie sind schon sehr früh aufgewacht“, bemerkte er, „sicher haben Sie Durst."
Ich soff die Zweiliterflasche, die mir der Anästhesist zuvorkommend in die Hand gedrückt hatte, gluckernd leer. Dann verspürte ich einen deutlichen Harndrang.

Doch der Anästhesist war schon wieder verschwunden.

Also zog ich mich vorsichtig an und stellte fest, dass zwei Drainageflaschen an mir baumelten.

Da kam meine Baggy-Hose zum Einsatz.

Dank der praktischen überbreiten Hosentaschen passte jedes Fläschchen exakt in eine Tasche.

Mit den Schläuchen, die jeweils am Brustansatz unterhalb der Achselhöhle in meine Haut eingeführt waren, kam ich mir unwahrscheinlich verwegen vor.

Ich stellte mich vor den Spiegel und übte Terminator-Posen.

Dabei tat ich so, als würde ich mein unsichtbares Gegenüber mit ebenso unsichtbaren Waffen abknallen. An dieser Stelle ließ ich die Schläuche wie Tentakel wild herum schlackern.
Keine Ahnung, mit was die mich ins Reich der Träume befördert hatten - es war gutes Zeug und ich war voll drauf.

Kurz nachdem ich mein Gehampel beendet hatte, kam der Anästhesist herein.

Er wies mir den Weg zur Toilette. 

Erleichtert kam ich zurück und schlenderte durch den Warteraum.

Dort befand sich ein großer Wasserspender. Ein gutes Drittel seines Inhalts schwappte meine Speiseröhre hinab. Hernach verspürte ich Hunger.

Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, kam eine Assistentin auf mich zu und überreichte mir lächelnd eine Butterbreze, die ich noch im Eingangsbereich verschlang. 

Zuvor hatte ich penibel die groben Salzkörner abgepult. Und das waren eine Menge.

Keine Narkotika der Welt können meine Abneigung gegen Salz auf Brezen überdecken.

Ich ließ die Körner einfach auf den Boden fallen und entfernte mich scheinbar unbeteiligt vom Tatort. Plötzlich knirschte es laut und ich fuhr herum.

Eine blonde Frau mit blauen Augen war mit ihren Stöckelschuhen mitten in mein Salzhäufchen getreten. Zielgenau. Sowas muss man auch erstmal schaffen.

„Guten Tag, ich bin Ihre Nachtschwester und werde mich die nächsten zwölf Stunden um Sie kümmern“, sagte sie und musterte abwechselnd meine salzfreie Breze und ihren Schuh, den sie vorsichtig an der Wand abklopfte.

Dem Anschein nach handelte es sich um ein sündteures Modell. 

Ich nickte mit vollem Mund.
 „Na, Sie sind aber schon sehr munter, wie ich sehe“, meinte bemüht freundlich die Nachtschwester.

Dann spuckte sie auf ein Taschentuch und polierte damit ihre Schuhe.

An einer Stelle blätterte der schwarze Lack ab. Das war wohl die ätzende Lauge.

Entsprechend sauer blickte die Nachtschwester drein.

In  meinem vernebelten Geist regte sich ein wenig Mitleid.
Schließlich kamen Anästhesist samt Arzt um die Ecke.

Beide mit Feierabendmiene und in Alltagskleidung.

Sie beglückwünschten mich zu meinem stabilen Kreislauf und bestellten ein Taxi für mich und die Nachtschwester.

Ich befand mich in bester Plauderstimmung und hielt mit dem Taxifahrer ein Schwätzchen über Gott und die Welt. Im echten Leben hasse ich Smalltalk.

Dieses Narkosemittel verlieh mir wahre Superkräfte.

Meine Eloquenz holte sogar die beleidigte Nachtschwester aus der Reserve. 

Sie trug zum Gespräch bei und berichtete, dass sie sich die Haut am Hals mittels Fäden straffen lassen wolle. Das verbildlichte sie, indem sie ihre Epidermis mit den Fingern nach hinten dehnte.

Der Taxifahrer reckte den Hals und brummte etwas Unverständliches.

Da die Frau ihre angestrengte Pose immer noch beibehielt, schloss ich daraus, dass sie auf meine Reaktion wartete.

Mein Mitleid über die versalzenen Lackschühchen war auf einmal wie weggeblasen.

"Ich sehe keinen Unterschied", lautete mein trockener Kommentar zu der Nachtschwester, die ihre Halshaut mittlerweile bis zum Anschlag Richtung Nacken gezogen hatte, um das straffe Ergebnis zu simulieren.

Damit war das Stimmungsbarometer wieder auf Null gesunken.

Doch wir waren ohnehin schon am Hotel angekommen.

Die emotional unterkühlte Nachtschwester meldete mich an der Rezeption an und begleitete mich zu meinem Zimmer.

Dabei mussten wir einige Treppenstufen überwinden.

Ich ging hinter der Frau her und bemerkte, wie bei jeder Stufe Lack von ihrer Fußbekleidung bröselte.

Oben angekommen machte sie mir knapp klar, dass ich sie in den nächsten zwölf Stunden jederzeit erreichen könne. In einer Stunde würde sie noch einmal nach mir sehen.

Diese Informationen gingen mehr oder weniger an mir vorüber, da sich meine Gedanken nur um eines drehten: Essen!
Kaum hatte sich die Nachtschwester verflüchtigt, nahm ich den Aufzug hinunter zur Lobby.

Die war gerammelt voll mit wichtigen Menschen in schicken Outfits.

Ich zwängte mich zwischen ihnen hindurch zum angrenzenden Restaurant.

Dabei war ich stets darauf bedacht, dass meine mit Drainagebeuteln ausgefüllten Hosentaschen nirgendwo aneckten. Ich fand einen freien Platz und wurde sofort von einem Kellner empfangen.

Höflich ignorierte der Mann meine Schläuche und überging auch dieses Plastikteil von dem intravenösen Zugang, das noch auf meinem Handrücken montiert war.

Als ich die Karte rauf und runter bestellte, waren seine Züge kurzzeitig entgleist.

Doch der Gute hatte sich sofort wieder unter Kontrolle.
Ich fühlte mich wie bei einem Wellness-Trip.

Das Essen war unwahrscheinlich gut und ich schwelgte im kulinarischen Himmel.

Hier wollte ich bleiben. Für immer.

Und dank dem Rausch dachte ich über Geld nicht nach.

Mich überkam gar ein Anflug von überheblicher Arroganz.

Am Tisch neben mir unterhielten sich zwei Börsenmakler samt attraktiver weiblicher Begleitung über ihre Immobilien - einer schwärmte von einem kürzlich erworbenen Haus mit Boot am Zürichsee.

Ich seufzte tief und stellte mir vor, ich gehörte dazu:

 

Ich sah mich in einem großen Saal vor der Leinwand eines Projektors stehen.

Über mir hing ein diamantener Luster und an den Gliedmaßen der betuchten Anwesenden schimmerten auch einige Klunker. Ein elitärer Kreis von Gutmenschen.

Ich gehörte dazu und konnte mich mit ihnen über neueste Errungenschaften austauschen!

In meinem Traum ließ ich auf Leinwand den Go-Pro-Film meiner Brustoperation ablaufen, den ich persönlich kommentierte.

Hierbei tippelte ich mit meinen sündteuren italienischen Lackstöckeln hin und her.

Ich suchte die richtige Position, um meine Worte anhand eines Zeigestabs zu verdeutlichen.

"Da wird Adrenalin unter die Haut gespritzt, damit sich die Brustwarze ablöst", bemerkte ich wichtigtuerisch und betätigte einen Knopf.

Daraufhin erschallte über Lautsprecher Dr. Nases charakteristischer Satz: "Ich nehme Ihre Brust komplett auseinander und baue sie wieder zusammen."

Die Gäste staunten lautstark.

Mit einer gönnerhaften Handbewegung beendete ich meine audio-visuelle Vorstellung.

Schließlich wollte sich der Immobilienmakler vom Zürichsee im Anschluss noch präsentieren.

Mit Ski-Urlaub-Motiven aus Sankt Moritz.

Ich versprach den frenetisch klatschenden Besuchern, bald Nachschub zu liefern.

Ja, natürlich, meine lieben Freunde! Denn als nächstes wird der Hals gestrafft...!

 

Das ging mir durch den Kopf, als ich mir zum krönenden Abschluss eine unverschämt gute Blaubeertorte schmecken ließ.

Jeder Bissen zerging langsam auf meiner Zunge, denn ich wollte diesen Moment ewig festhalten.

Oder zumindest solange, wie der Narkose-Rausch anhielt.
Die Nachtschwester - ich nenne sie der Einfachheit halber Ilse - riss mich aus meinen Träumereien.

Ihr sonst so adrett gekämmtes Haar stand wild ab, als ob sie eine längere Strecke gerannt wäre.

Ich blickte hinab auf ihre Schuhe.

Die waren von der ungewohnten Bewegung grau. Gespickt mit ein paar letzten glänzenden Lackfleckchen.

Ilses blaue Augen waren geweitet und ihr ehemals blasser Teint erstrahlte in gut durchblutetem Rot. Das lenkte zumindest von ihrem faltigen Hals ab.

Atemlos kam sie auf mich zu und erklärte mir, dass sie zur Kontrolle auf meinem Zimmer gewesen war. Da sie mich nicht angetroffen hatte, habe sie nach mir gesucht in der Annahme, es sei etwas passiert.

Überall hätte sie mich vermutet, aber nicht im Restaurant!

Ilse schnaubte. Endlich fand sie die Ruhe, um mir gegenüber Platz zu nehmen.
Die Nachtschwester blickte auf die Uhr: „Waren Sie die ganze Zeit über hier und haben gegessen?“
Schuldbewusst schob ich mir die letzte Blaubeere in den Mund, was offenbar als Antwort genügte.

Die Nachtschwester atmete tief durch.
„Na, Sie haben überhaupt kein Schmerzempfinden, oder?“
Ich dachte nach. Üblicherweise kam ich nicht oft dazu, in Ruhe zu essen.

Das war etwas Heiliges.

Besonders dann, wenn andere das Mahl für mich zubereitet hatten.

Doch bevor ich etwas sagen konnte, verlangte Ilse beim Kellner die Rechnung und teilte mir mit, dass ich mich nun aber wirklich schonen müsse. Nach so einem Eingriff!
Müde und satt ließ ich mich auf das gemütliche Hotelbett fallen.

Die Nachtschwester bewunderte nochmals meine Konstitution und meinte, sie brauche dann wohl nicht jede Stunde kommen.

Sie verabschiedete sich mit den Worten, ich könne sie anrufen, falls ich etwas benötigte.

Ich fühlte mich wie eine Heldin.

Wenn man eine 60-Stunden-Geburt hinter sich gebracht hat und über ein Jahr nicht durchschlafen konnte, ist man hart im Nehmen.

So jemanden erschüttert auch eine Brustrestauration nicht.
Selbstgefällig machte ich es mir gemütlich und schaltete den Fernseher ein.

Eine Dokumentation über Tripper lenkte mich von den Schmerzen ab, die nun langsam zu pochen begannen. Hinzu kam, dass ich jede halbe Stunde Pinkeln musste.

Wie man sich denken kann, war das mit zwei Plastikbeuteln samt Schläuchen kein einfaches Unterfangen.

 

Das war der Punkt, an dem meine Euphorie komplett hinüber war.

 

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