Ode an meine Brüste Teil 1: Der Vater meiner neuen Brüste

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Meine Brüste waren für mich immer die schönsten Teile an meinem Körper.

Sie waren absolut perfekt, echte Bilderbuchbrüste. Ja, richtig: Die Betonung liegt auf „waren“.
Nach dem Stillen sah das nämlich nicht mehr so dufte aus.

Dabei hatte ich auch aus dem Grund lange gestillt, weil ich mir davon schöne Brüste versprach.

Denn meine damalige Freundin - die einzige Mutter, die ich zu jenem Zeitpunkt kannte - hatte zu mir gesagt: „Nach dem Stillen hatte ich so schöne Brüste wie nie zuvor!“

Wie ich später feststellte, war das wohl mit Abstand die größte Lüge aller Zeiten.
Nun stand ich da und wollte mich im Spiegel gar nicht mehr ansehen.

Darunter litt nicht nur mein Selbstbewusstsein, sondern auch mein Liebesleben, das sich nunmehr im Dunkeln abspielte.

Nach jahrelanger Überlegung entschloss ich mich dazu, eines meiner persönlichen Tabus zu brechen:

Ich ging zum Schönheitschirurgen.


Als ich die Türen zum Empfangsraum der Praxis öffnete, wurde ich von gleißendem Licht geblendet, das beinahe überirdisch hell erschien.

Mit zusammen gekniffenen Augen tappste ich durch den weißen Raum, der an eine futuristisch eingerichtete Wabe erinnerte.

Mir gegenüber lag die Rezeption, wo drei perfekt aussehende Frauen mit wallender Wasserstoffperoxid-Mähne scheinbar wichtige Dinge erledigten.

Die mit dem Headset am Kopf zwitscherte ihrem Gesprächspartner in schrillen Oktaven zu.

Plötzlich lachte sie noch schriller auf, sodass ihre perlweißen Milchzähnchen zur Geltung kamen.

Ich bemerkte das Ganze höchst irritiert und konnte gar nicht glauben, dass es sich bei diesen Gestalten tatsächlich um ausgewachsene menschliche Wesen handeln sollte.

Sie wirkten filigran wie Kinder.

Dahinter steckt ein ausgeklügelter Plan, schoss es mir durch den Kopf.

Neben diesen Lolitas fühlt sich doch jeder alt.

Das verleitet bestimmt den einen oder anderen zu einer Extraportion Botox.
Ich versah meine Gedankengänge mit einem selbstgefälligen Nicken und merkte, dass mittlerweile alle Augen auf mich gerichtet waren.

Also marschierte ich stramm in Richtung Rezeption.

Dabei erzeugten meine klobigen Bergschuhe ein quietschendes Geräusch auf dem blanken Boden.

Zugegeben, mein Alltagsoutfit ließ mich in den Augen dieser Frauen aussehen, als ob ich gerade von einer mehrtägigen Wildniswanderung zurückgekommen wäre:

Ich trug bequeme Baggyhosen, einen leuchtend roten Wolljanker und einen Rucksack für Alpintouren, in dem immer Notfallmaterial in Form von Energieriegeln (falls das Kind spontan Hunger bekam) und Sportklamotten (falls sich spontan ein Zeitfenster fürs Fitness Studio auftat) sowie eine kompakte Kamera (falls mir ein gutes Motiv über den Weg lief) zu finden war.

Umräumen wäre zu aufwändig gewesen. Da hätte ich beim Wiedereinräumen gewiss was vergessen.

Also kam das nicht infrage.

Weiter im Text:

Den Blicken der Empfangsdamen nach zu urteilen unterschied mich meine rustikale Aufmachung gewaltig von der Klientel, die üblicherweise in solche Praxen stöckelt.

Mithilfe meiner gut einstudierten Etiketten wollte ich jedoch demonstrieren, dass ich kein völlig verkorkstes Landei war: In allerfeinstem Hochdeutsch meldete ich mich an und erfasste dabei die Hand des kleinen Headset-Fräuleins zur Begrüßung.

Die fühlte sich an wie ein zerbrechliches Vogelbaby - völlig schlaff und unfähig zur Flucht lag ihr zartes Pfötchen in meiner von Abwasch und Hausputz gegerbten Pranke.

Noch nie zuvor kam ich mir so grobschlächtig vor.

Betretenes Schweigen entstand.
Das Headset-Vögelchen durchbrach die peinliche Stille und geleitete mich in den Warteraum.

Dort sah es aus wie im Spielzimmer meines Sohnes:

Riesenhafte Legosteine waren zu einer Art Sitzgruppe zusammen gewürfelt.

Was Tisch und was Stuhl war, konnte ich beim besten Willen nicht sagen.

Die Empfangsdame wies mich an, auf einem Oktaeder-förmigen Unding Platz zu nehmen, das sich als Sessel entpuppte.

Anschließend brachte mir eine astreine Blondine einen Anmeldebogen.

Offenbar war sie die Vierte im Bunde der eineiigen Wasserstoffperoxid-Schwestern.

Nicht schlecht. Im Geiste applaudierte ich dem Herrscher dieses ästhetischen Refugiums.

So ein Leben könnte ich mir auch vorstellen.

Ein moderner Harem mit lauter mädchenhaften Konkubinen, die nur darauf warten, dass der Doktor sie unter irgendeinem banalen Vorwand ins Besenkämmerchen bestellt... und wer hübsch fügsam ist, bekommt anschließend ne Runde Lachgas spendiert. Oder ein Silikonkissen.

Ich füllte den Bogen gewissenhaft aus und kreuzte "Straffung ohne Implantat" an.

Das lange Warten machte mich dann doch etwas nervös.

Ich begann an meiner Entscheidung zu zweifeln. Oder doch Silikon?
Ich rutschte auf dem Oktaeder hin und her. Nein, kein Fremdkörper in meinem Körper!

Mein Entschluss stand endgültig fest.

Um das zu untermauern griff ich nach einem Energieriegel, den ich schmatzend vertilgte.

Zucker und Kohlenhydrate sind unabhängig von der Situation stets mein Mittel der Wahl.

Ich war so vertieft ins Essen, dass ich den Schuss nicht hörte.

Ich merkte bloß, wie mich das Vögelchen plötzlich sehr bestimmt am Arm nahm und mich einen Gang entlang bugsierte.

Eine Tür öffnete sich und schon stand ich im Besprechungszimmer des Chirurgen.

In solchen Momenten bin ich heilfroh, dass ich mich selbst nicht sehen kann.

Was der König der Ästheten erblicken musste, lässt sich ungefähr so beschreiben:

 

Eine zierliche 163-Zentimeter-Frau quietscht mit Wanderstiefeln undefinierbarer Farbe (die waren mal grün!) in den Raum. Durch ihr unangebrachtes Geschlurfe hinterlässt sie schwarze Striemen auf dem frisch gewichsten Boden. Über ihrem linken Arm hängt ein fusseliger Wolljanker, der einen markanten Duft nach Pferdestall verströmt und hie und da mit Heuhalmen gespickt ist.

In der rechten Hand hält sie einen halb aufgegessenen Müsliriegel, dessen klebrige Brösel hartnäckig an ihren Mundwinkeln haften.

 

Sichtlich betreten räusperte sich mein Gegenüber und fischte ein Taschentuch von seinem Schreibtisch, das er mir wortlos in die Hand drückte. Während ich meine körnigen Mundwinkel abputzte, ließ er sich auf seinem Bürostuhl nieder und musterte mich eingehend.

Der Arme.

Ich konnte die hervorgetretene Ader auf seiner Schläfe beinahe Pochen hören.

Für jemanden, der sein Leben der Schönheit widmet, musste meine nachlässige Erscheinung einen wahren Seelenschmerz verursachen.

Wenn ich obendrein noch mit Zahnlücke und Strohhalm im Mund aufgewartet hätte, wäre er womöglich aus dem Fenster gesprungen.

Ich steckte das Taschentuch ein und nahm unaufgefordert auf dem Sessel gegenüber Platz.

Da saßen wir nun und stierten uns an.

Der Chirurg unterbrach den Blickkontakt, indem er meinen Anmeldebogen immer wieder angestrengt durchging.

So konnte ich ungeniert gucken. Irgendetwas irritierte mich an seiner Erscheinung.

Wie ein Hund, der eine Fährte wittert, suchte ich den Arzt mit meinen Blicken ab.

Diese blieben letztlich auf seiner Nase haften.

Ich war entsetzt.

Weiß der eigentlich, was er da im Gesicht hat?!

Der Riecher war für so ein markantes Männergesicht viel zu klein.

Möglicherweise hatte ihm das noch niemand gesagt.

Vielleicht sollte ich ihn mütterlich zur Seite nehmen und...
Der Mann beobachtete, wie ich ihn (oder besser gesagt seine Nase) mit zusammen gekniffenen Augen begutachtete.

Da ich keinerlei Anstalten machte, mit dem Glotzen aufzuhören, und gedanklich noch immer mit der Option beschäftigt war, ihn auf diesen olfaktorischen Trümmer anzusprechen, räusperte er sich noch einmal demonstrativ und zeigte mit dem Finger auf einen Paravent.

Dahinter könne ich mich umziehen.

Idiotisch, dachte ich, er sieht mich doch sowieso gleich oben ohne.
Dr. Nase fotografierte mich und dann drückte er routiniert an meinen Brüsten herum.

Derweil überlegte ich, ob ihn das missglückte Geruchsorgan als Chirurgen für meinen Eingriff disqualifizierte.

Ich entschied mich dagegen. Das hatte er schließlich nicht selbst fabriziert.

Großzügig wie ich war, ließ ich seine stilwidrige Nase als Jugendsünde durchgehen.
Nachdem alle Formalien geregelt waren und ich über mögliche Komplikationen aufgeklärt war, drückte mir Dr. Nase zum Abschied die Hand.

Nicht zu fest und nicht zu locker. Kein Vergleich zu dem Headset-Vögelchen.

Das war ein tolles Gefühl. Ich strahlte übers ganze Gesicht.

 

Ich weiß: Er kannte mich kaum 40 Minuten und hielt mich jetzt schon für eine grenzdebile Idiotin.

Wenn der wüsste, dass dieses Grinsen von meiner spontan entstandenen Zuneigung zeugte:

Ich stand dem Vater meiner zukünftigen Brüste gegenüber!

 

 

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